Eine Alternative zur Protestwahl

Gepostet am 20.03.2017 um 02:34 Uhr

Martin Schulz bietet dem linken Lager der Wähler eine Alternative zur Protestwahl, meint Angela Ulrich. Aber dazu muss Schulz bald konkret werden, und nicht mehr nur die Gefühle der Wähler ansprechen, sondern auch deren Köpfe.

Martin Schulz bietet dem linken Lager der Wähler eine Alternative zur Protestwahl, meint Angela Ulrich. Aber dazu muss Schulz bald konkret werden, und nicht mehr nur die Gefühle der Wähler ansprechen, sondern auch deren Köpfe.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Mega-Martin, SPD-Gott, Heilsbringer, Hoffnungsträger. Mehr geht nicht. Die SPD überhäuft ihren neuen Chef und Kanzlerkandidaten Martin Schulz mit Erwartungen. Und sie beschert ihm diesen Rekord, den weder Kurt Schumacher in der Nachkriegszeit noch später Willy Brandt oder Matthias Platzeck einfahren konnten: 100 Prozent Zustimmung, 605 von 605 gültigen Wahlzetteln für Schulz, keine Gegenstimme. “Martin, ich will das Kanzleramt von dir!” – dieser Witz kursierte schon vor dem Parteitag, aber die Genossen meinen es jetzt ernst.

Das ist eine Riesenchance für die SPD. Die Chance, dass diese Partei, die sich gern maximal zerfleischt, es diesmal wirklich schafft, geeint und geschlossen in den Wahlkampf zu ziehen. Und nicht, weil sich ihre Neinsager nicht trauen. Sondern deshalb, weil die SPD derzeit wirklich Hoffnung schöpft, stolz ist, und mit erhobenem Kopf und durchgedrücktem Kreuz auftritt. Und mit einem Spitzenmann, der einfach redet, und dazu das Gefühl der Bürger anspricht.

Schulz ziehlt auf Gefühle, nicht auf den Kopf

Wenn ihr Kühle wollt, wählt Merkel, ist die Botschaft dahinter. Aber wenn ihr jemanden wollt, der mitfühlt, dem ihr wichtig seid, der Euch versteht, der auch mal unten war und wieder hoch kam – dann bin ich der Richtige. Diese Erzählung honorieren die Genossen derzeit nicht nur, sie berauschen sich daran. Angela Merkel dürfte derzeit mit mehr Sorge nach Würselen als nach Ankara blicken.

Aber genau da beginnt auch die Gefahr. Denn wenn eine Partei dermaßen lechzt und dürstet, dann war da wohl zuvor viel Leere. Dann ist da auch viel Potential zur Enttäuschung. Dann kann ein Spitzenkandidat unter der Last der Erwartungen ganz schön weiche Knie bekommen.

Martin Schulz fährt bisher so gut, weil er vor allem den Bauch – sprich das Gefühl der Leute anspricht, statt den Kopf – sprich ein klares Programm vorlegt. Damit will er noch bis Ende Juni warten. Offiziell, um vorher noch viel zuzuhören. Das kann nicht schlecht sein. Aber irgendwann muss er konkret werden. Dann wird er nicht das Blaue vom Himmel versprechen können.

Eine Alternative für das linke Lager

Der SPD ist zu wünschen, dass sie ihre Zuversicht so lange wachhalten kann. Das macht den Wahlkampf spannender. Denn nur, wer wirklich eine Wahl hat, kann auch statt dumpfem Protest zwischen Alternativen auswählen. Diese Chance bietet Martin Schulz dem linken Lager.

Die Junge Union war übrigens auch beim SPD-Parteitag. Sie hatte auf der nahen Spree ein Boot vertäut mit der Aufschrift: “Hey Gottkanzler, wenn Du übers Wasser laufen kannst, komm rüber!” Was als Spott gemeint war, zeigt auch: Hier haben sie Respekt vorm Heilsbringer!

KOMMENTAR: “Heilsbringer” Martin Schulz ist Chance für SPD
A. Ulrich, ARD Berlin
23:50:00 Uhr, 19.03.2017

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. März 2017 um 22:45 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 27.07.2017, 06:38:47