Schulz-Hype?! Die Erwartungen an den SPD-Parteitag am Sonntag

Gepostet am 18.03.2017 um 19:45 Uhr

Auf einem außerordentlichen Bundesparteitag stellt sich am Sonntag Martin Schulz als Parteivorsitzender zur Wahl. Ab wie viel Prozent Zustimmung kann man von großem Rückhalt der Basis sprechen? Wie wird wohl Sigmar Gabriel auftreten, damit er nicht als Verlierer erscheint? Einschätzungen von ARD-Hauptstadtstudio-Leiterin Tina Hassel im Vorfeld des Parteitages.


Am Sonntag ist SPD-Bundesparteitag. Weiß man als Journalistin schon vorher, wie so ein Parteitag abläuft?

Nun, es kann immer Überraschungen geben. Aber im Prinzip – bei diesem Parteitag heißt es im Grunde: Schnörkellos, emotional und kurz – keine großen Hymnen, kein Einmarsch der Gladiatoren, sondern kurz und knapp und gleichzeitig natürlich möglichst euphorisch für dann den neuen Parteichef.

Martin Schulz stellt sich zur Wahl. Ab wie viel Zustimmung kann man von einem guten Ergebnis sprechen?

Nun, alles über 90, würde ich denken, müsste er holen auf der jetzigen Welle. Und ich würde ihm das auch zutrauen. Denn noch sind ja alle begeistert. Und noch ist er auch nicht konkret genug geworden, dass vielleicht doch der eine oder andere denken könnte: Mensch, das ist vielleicht doch nicht das, was ich mir gewünscht habe.

Will Martin Schulz am Sonntag vor allem seine SPD-Genossen motivieren? Oder richtet er sich an die Öffentlichkeit und seine möglichen Wählerinnen und Wähler?

Wenn man hört, wie er spricht, dann ist es doch eine gewisse Ansprache an beide: Er rockt den Saal – das wird er auch mit Sicherheit am Wochenende machen – aber er denkt immer auch an die SPD-Mitglieder und Bürgerinnen und Bürger draußen mit. Er wird natürlich wieder von Gerechtigkeit reden. Er wird von Europa reden. Er wird von seiner Biografie reden. Das kommt ja auch immer von der Art, wie er im Grunde in der Jugend Dinge überwunden hat! Wie er eben sich hochgekämpft hat! Und immer wiederkehrend ist ja auch der Student, der nachts aufwacht und nicht schlafen kann. Oder der Rentner, der nachts aufwacht und nicht schlafen kann. Also die Leute, die umgetrieben werden von echten oder empfundenen Sorgen.

Sigmar Gabriel musste erleben: Seit Martin Schulz im Rampenlicht steht, geht die SPD bei Umfragen durch die Decke. Birgt das Sprengstoff bei diesem Parteitag?

Im Grunde: Die Verabschiedung von Sigmar Gabriel – das wird die Klippe bei diesem Parteitag werden. Da stehen zwei, die ja seitdem bewiesen haben – und das demonstrativ auch versuchen – dass sie Freunde sind nach wie vor, die als Tandem ja weitermachen wollen. Aber da wird jemand verabschiedet, der sehen muss, wie die Partei jetzt euphorisiert ist. Das ist natürlich irgendwie bitter für ihn. Also wird Martin Schulz darauf achten und die ganze Regie darauf achten, dass Sigmar Gabriel gebührend sowohl im Bild als auch in dem, was er dann sagen kann, gewürdigt wird, in der Mitte bleibt, nicht aus der Partei jetzt ausscheidet. Es heißt ja auch, dass er weiterhin eine ganz wichtige Rolle spielen wird. Und erleichtert ist das Ganze dadurch geworden, dass Sigmar Gabriel einen sehr guten Start hatte als Außenminister, fast wie befreit wirkt – und insofern ihm das Loslassen sicherlich leichter fällt.

Ist Schulz der Anti-Merkel?

Der ist Anti-Merkel! Was immer das heißt. Also, erst mal in der Performance: Er kann Klartext. Er ist sehr deutlich. Er rockt Säle. Er ist emotional, manchmal auch aufbrausend. Die Kanzlerin ist die Wissenschaftlerin: Sie ist besonnen. Sie mag Emotionen nicht sehr. Also, vom Typus, vom Temperament sind die absolut unterschiedlich. Was Europa angeht, was teilweise auch Innenpolitik angeht, liegen die gar nicht so weit auseinander. Aber vom Typus her ist es eine echte Alternative. Und das macht den Wahlkampf ja jetzt auch spannend.

 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert: 12.12.2017, 14:53:44