Schulz hat keine Chance – aber er nutzt sie

Gepostet am 14.07.2017 um 17:51 Uhr

Von Bayern bis Hamburg: Martin Schulz war auf Sommertour durch Deutschland. Unser Korrespondent Thomas Kreutzmann war dabei – und hat einen ausgeglichenen Kanzlerkandidaten erlebt, der mehr mit sich im Reinen ist als noch vor ein paar Wochen.

Der Bärtige hält einen Bruchstein in der Hand – so einen, mit dem sie hier, an der „Schanze“ in Hamburg, Scheiben, aber gottseidank keine Schädeldecken eingeworfen haben. Der Bärtige ist allerdings kein Randalierer vom Protest “G20 – willkommen in der Hölle“, sondern das genaue Gegenteil:  SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz – wie meist im gedeckten Anzug mit Streifenkrawatte zum ordentlichen weißen Hemd. Die Doppeldeutigkeit des Fotos hat immerhin die Kollegen eines online-Portals veranlasst, zum Foto von „Schulz mit Stein“ zu witzeln: „Bildüberschrift gesucht!“ – das kann man lustig oder bösartig finden. Es zeigt aber zwei Dinge: erstens die Unbefangenheit des Kandidaten. Aber zweitens auch den Trend in Teilen der Presse, ihn nicht in allem ernst zu nehmen, weil er irgendwie nett und harmlos wirkt.

Nach drei (nicht von ihm) verlorenen Landtagswahlen und deutlich gesunkenen Umfragewerten scheint Schulz machen zu können, was er will – er findet inzwischen selten ein (ungeteilt) positives Echo. Das Überraschende: bei seiner Sommerreise in dieser Woche erlebt man einen meist ausgeglichenen und freundlichen Mann, der mehr mit sich im Reinen ist als noch vor Wochen. Nur zu Wochenanfang, in Bayern, ist seine Dünnhäutigkeit kurz spürbar. Es läuft wieder mal nicht gut für die SPD. Denn nach dem teilweise missglückten Polizeieinsatz gegen die Kriminellen von Hamburg steht der sozialdemokratische Bürgermeister voll in der Kritik; und die Union attackiert die SPD da, wo es den Sozialdemokraten besonders wehtut, nämlich an ihrer angeblichen Unfähigkeit, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen.

Das nervt Schulz gewaltig. Er ist “stinksauer”, wie man aus seinem Umfeld hört, dass Kanzlerin und Führungskräfte der CDU halbherzig Olaf Scholz unterstützen, während aus der zweiten Reihe der Union massive Anfeindungen bis zu Rücktrittsforderungen auf den Hamburger SPD-Mann niedergehen. Dabei habe sich doch Angela Merkel selbst für Hamburg als Ort des G20-Treffens entschieden – und gemeinsam mit Bürgermeister Olaf Scholz und den nationalen wie örtlichen Ordnungskräften im Vorfeld die Sicherheitslage besprochen, hören wir aus der SPD.

Schulz im Schanzenviertel: Eine zweischneidige Angelegenheit

Martin Schulz jedenfalls hat zu Wochenanfang ein Problem: schon seit Wochen steht fest, dass seine Sommerreise durch Deutschland in Bayern beginnen und in Hamburg enden soll. Unter anderem mit einer Hafenrundfahrt, anlässlich derer sich mit den begleitenden Journalisten vortrefflich über Globalisierung nachdenken und das eine oder andere dekorative Foto schießen ließe. Nach den Krawallen geht das aber nicht mehr, wenn – sinnbildlich gesprochen – in Hamburg noch die ausgebrannten Autowracks rauchen.

Also irgendwann Planänderung. Schulz’ Chefstratege und Kommunikationschef Tobias Dünow und seine Leute müssen ihrem Chef etwas Neues raten. Und es kommt zum jetzt Unvermeidlichen: Schulz soll durchs Schanzenviertel gehen und mit Bürgern sprechen. Dass das eine zweischneidige Sache wird, ist allen Beteiligten klar. Wenn ein Pulk von HörfunkjournalistInnen, Fernsehteams, Fotografen und Reportern mit Schreibblock den Kandidaten begleitet, können sich die Einheimischen schnell als Kulisse eines Wahlkampfauftritts missbraucht fühlen – und entsprechend aggressiv gegenüber Schulz reagieren. Der braucht durchaus Courage, um sich ins links dominierte Schanzenviertel zu trauen – und wird dafür belohnt, weil doch nichts wirklich Schlimmes passiert.

Man hört ein paar mal “Verpiss Dich!“, und einiges Geschimpfe wie “Scholz hau ab!“, weil die Passanten zwischen den vielen Journalisten gar nicht erkennen können, welcher Promi sich ein Bild von dem malträtierten Stadtteil machen will. Ihre Reaktion nach Aufklärung, um wen es sich tatsächlich handelt: “Dann eben ‘Schulz hau ab’!“. Doch das tut der Kandidat erst nach einer knappen Stunde, in der er teilweise ohne Pressebegleitung mit dem Apotheker gesprochen hat, der Opfer von Attacken wurde, oder dem Weinhändler oder der Restaurantbesitzerin. Oder den Polizisten, die Schadensmeldungen von Bürgern entgegen nehmen, und die Schulz beeindrucken, weil sie so ein differenziertes Bild von der Protestkultur im Kiez hätten und nicht alle Demonstranten pauschal verurteilten.

“Air Force One gegen Würselen”

Schulz hat seine Sommerreise mit Anstand hinter sich gebracht, Audi in Ingolstadt oder Airbus in Hamburg besucht. Er hat kleine Schlagzeilen gemacht, während Kanzlerin Merkel, wieder mal, die internationale Bühne bei den deutsch-französischen Konsultationen bespielte. Aber Schulz versucht den Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. Ironisch sagt er unter Hinweis auf den US-Präsidentenjet und sein Heimatstädtchen, jetzt erlebe Deutschland eben “Air Force One gegen Würselen.” Würselen – das ist für Schulz die Chiffre dafür, den Menschen nahe zu sein und zu versuchen, ihre Alltagsprobleme zu verstehen: während die Kanzlerin irgendwie abgehoben sei.

Abheben will Schulz, der frühere Bürgermeister von Würselen, nicht, auch wenn er als Kanzlerkandidat Zugriff auf Fluggerät des Bundes hätte. Er will “nah bei den Menschen” sein, wie das bei Kurt Beck hieß – noch so ein Sozialdemokrat, den manche in der Berliner Polit”blase” nicht ernst nehmen wollten. Martin Schulz weiß das – aber auch, dass Deutschland nicht nur aus den paar Quadratkilometern zwischen Schloss Bellevue, Kanzleramt, Reichstag und ein paar Parteizentralen und Redaktionen besteht. Sondern aus vielen Klein- und Mittelstädten, Dörfern und Landkreisen. Das ist die Essenz seiner Sommerreise.

Ausgerechnet er, der frühere hochrangige Europapolitiker will als “einer von uns” ins Rennen gehen: “In Würselen bin ich der Martin.” Und weil die Zeit so schnelllebig ist und viele Leute ihre Meinungen und Interessen schnell ändern, sieht er für sich immer noch Chancen. Zumindest behauptet er das mit fester Stimme, immer wieder, gefragt oder ungefragt. Die Wahl werde auf “den letzten Metern“ entschieden – wenn Sozialdemokraten, so wie er, in großer Zahl auf die Straße gehen, um Wahlkampf zu machen. Vielleicht ironisch, oder etwas unglücklich nach den Hamburger Krawallen zitiert ihn eine Berliner Zeitung mit: „Ich bin ein streetfighter!“ Aber er ist eben einer, der den Wackerstein nur in die Hand nimmt, um zu demonstrieren: die wirklichen, gewalttätigen  “Straßenkämpfer” verdienten härteste Bestrafung.

Zuletzt aktualisiert: 20.09.2017, 00:33:03