SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz beim Interview mit der "Brigitte"

Liebe, Alkohol und Angela Merkel

Gepostet am 13.06.2017 um 02:20 Uhr

Was heißt für Martin Schulz früh aufstehen? Was mag er besonders? Und wer baut ihn bei miesen Umfragen wieder auf? Der SPD-Kanzlerkandidat hat sich der Frauenzeitschrift “Brigitte” gestellt und einiges aus seinem Seelenleben verraten. Von Jörg Seisselberg.

Was heißt für Martin Schulz früh aufstehen? Was mag er besonders? Und wer baut ihn bei miesen Umfragen wieder auf? Der SPD-Kanzlerkandidat hat sich der Frauenzeitschrift “Brigitte” gestellt und einiges aus seinem Seelenleben verraten.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Wir wissen jetzt ein bisschen mehr über das Leben des Martin Schulz jenseits der politischen Bühne. Zum Beispiel wie es zugeht vor dem heimischen Fernseher in Würselen, wenn Schulz’ Lieblingsverein, der 1.FC Köln, das entscheidende Tor der Saison schießt: “Da bin ich durch’s Wohnzimmer gehüpft und habe mich richtig jung gefühlt. Mein viel jüngerer Sohn hat gesagt: ‘Setz‘ Dich mal wieder hin, Du bist doch der Kanzlerkandidat, benimm Dich mal hier”.

Oder wie es ist, wenn der Kanzlerkandidat von seinen erwachsenen Kindern bei politischen Diskussionen am Familientisch Wind von vorne bekommt: “Meine Tochter findet, ich bin in der SPD ein strammer Rechter. Das sei völlig falsch”.

Eineinhalb Stunden stellte sich Schulz auf der Bühne des Berliner Maxim-Gorki-Theater den Fragen der Macherinnen der Frauenzeitschrift “Brigitte”. Menscheln soll es in dieser Gesprächsreihe, in der der Kandidat, lässig in einem ausladenden rosa Sessel sitzend, immer aus einem Themenpaar wählen muss.

“Agenda oder Angela?”

Vor die Alternative “Agenda oder Angela” gestellt, zögert Schulz zunächst, bevor er schmunzelnd die Aufforderungen aus dem Publikum aufnimmt und sich für “Angela” entscheidet. Angela Merkel sei zwar seine Konkurrentin, aber, wollen die Moderatorinnen wissen, gebe es etwas, das man auch als SPD-Kanzlerkandidat von ihr lernen könne? “Ja”, antwortet Schulz augenzwinkernd knurrend, “Nerven behalten”. Zum Beispiel wenn die Umfragen nach unten gehen.

Es war ein persönlicher, entspannter, auch zur Selbstironie fähiger Schulz, den die Besucher im ausverkauften Gorki-Theater erlebten. Rührselig wurde es, als die Brigitte-Moderatorinnen Schulz zu seiner Ehe befragten. “Meine Frau und ich – das war eine Liebesheirat”, erzählte der ehemalige EU-Parlamentspräsident.

Fünf Tage nachdem sie sich 1985 kennengelernt hatten, seien sie zusammengezogen, ein halbes Jahr später hätten sie geheiratet – gegen den Rat einiger Freunde, erinnert Schulz. Seine öffentliche Liebeserklärung: “Wir sind jetzt fast 32 Jahr verheiratet. Und ich würde sagen, ich liebe meine Frau fast noch mehr als damals”. Auch in schlechten Phasen finde sie die richtigen Worte für einen “Typen wie ihn”. Jetzt menschelte es richtig, vom überwiegend sehr jungen Publikum gab es Beifall.

Kratzen an der Fassade

Erklärtes Ziel des Brigitte-Talks ist es, ein bisschen zu kratzen an der Politikerfassade und den Menschen dahinter sichtbar zu machen. Schulz ließ dies, nach kurzer Anfangsnervosität, im Laufe des Abends immer mehr zu. Auch seine Alkoholvergangenheit war Thema. Ob es ihn mittlerweile nerve, wollten die Moderatorinnen wissen, immer darauf angesprochen zu werden. “Nee”, antwortete Schulz, “nervt nicht. Das ist ein Teil meines Lebens, der gehört zu mir und zu dem muss ich stehen. Und ich bin stolz darauf, mich als junger Mann vom Alkohol zu trennen”.

In der Zeit der Therapie danach hat Schulz begonnen, jeden Abend seine Erlebnisse und Gedanken des Tages aufzuschreiben. Der SPD-Kanzlerkandidat hat dieses Ritual bis heute beibehalten – und auch schon eine Idee, was er am Abend des 24. September, dem Tag der Bundestagswahl, in sein Tagebuch schreiben will: “Es ist vollbracht!”

Der Eindruck des Abends: Der selbst ernannte “Streetfighter” Schulz kann es auch menschlich – und hat nach dem Desaster der Landtagswahlen wieder Lust anzugreifen.

Zuletzt aktualisiert: 25.06.2017, 03:58:04