Schüler übernehmen den Bundestag

Gepostet am 02.08.2016 um 00:50 Uhr

Von Politikverdruss ist im Bundestag derzeit wenig zu spüren. Mitten in der Sommerpause nehmen Jugendliche die Sitzungssäle in Beschlag und spielen Politik. Parallel bekommen Politiker Besuch im Stundentakt. Andrea Müller hat eine 10. Klasse beim Besuch einer Abgeordneten begleitet.

Von Politikverdruss ist im Bundestag derzeit wenig zu spüren. Mitten in der Sommerpause nehmen Jugendliche die Sitzungssäle in Beschlag und spielen Politik. Parallel bekommen Politiker Besuch im Stundentakt.

Von Andrea Müller, ARD-Hauptstadtstudio

“Herzlich willkommen im Bundestag. Schön, dass ihr hier seid” begrüßt Franziska Brantner eine Besuchergruppe. Brantner  sitzt für die Grünen im Bundestag – und nun vor 25 Schülerinnen und Schülern des Elisabeth-von-Thadden- Gymnasiums in Heidelberg. Der Besuch aus Brantners Wahlkreis ist gut vorbereitet, sie hat eine lange Liste vor sich. Die Jugendlichen diskutieren nicht, sie fragen. Was halten sie von TTIP? Von der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin? Wie sind sie zur Politik gekommen?

Und ein Schüler will wissen: “Wie sieht ihr Alltag aus, so von morgens bis abends?” Brantner erzählt, die Sitzungswochen seien “meistens relativ stressig. Dann fängt es montags mit den Diskussionen in der Fraktion an.”

“Thema Flüchtlinge hat irgendwann einfach genervt”

Im Sitzungssaal 532 des Paul-Löbe-Hauses geht es ein bisschen zu wie im Unterricht. Die 10. Klasse hört aufmerksam zu, aber nicht alle interessieren sich außerhalb der Schule wirklich für Politik. Fiona Albrecht zum Beispiel. Das Thema Flüchtlinge habe sie irgendwann einfach nur noch genervt. “Da war es in den Nachrichten, bei mir zu Hause, morgens wenn man im Bus saß, abends wenn man total müde nur noch nach Hause wollte – überall hat man es gehört und ich kann es auch total verstehen, wenn man irgendwann sagt, ich habe jetzt keinen Bock mehr, mir auch noch Sorgen zu machen, was 1000 Kilometer weit entfernt von mir passiert.” Sie sei noch jung, sagt Fiona. Später wenn sie wählen dürfe, werde sich das mit dem Desinteresse sicher ändern, verspricht sie.

Ihre Mitschülerin Klara Laue hat dagegen Spaß an politischen Debatten. “Ich rede viel mit meinen Großeltern über Politik, auch wenn ich dann sehe wie unsere Meinungen auseinandergehen, wie meine Großeltern das aber trotzdem akzeptieren.”

Lob für die Politiker

Auch Lauritz Steyer findet es wichtig, dass man mitreden kann, wenn es um politische Entscheidungen geht. Dass Politiker nur reden und wenig tun, hält er für ein Vorurteil. “Meiner Meinung nach ist die Arbeit, die die machen, ziemlich gut. Es gibt ja kaum Politiker, die einfach nur sagen, dass sie irgendetwas machen wollen und dann zwar gewählt werden und dann ihr Amt irgendwie ausnutzen.”

Vertrauen und Neugier statt Politikverdruss. Die Abgeordnete Franziska Brantner kennt das von vielen Schülergruppen. Das Desinteresse setzt später ein, habe sie beobachtet: Viele hätten keine Lust mehr auf diese wahrgenommenen Machtkämpfe. Sie hätten den Eindruck, es gehe weniger um das Ringen um beste Lösungen, sondern um Positionen, Machtideologien, die man irgendwie aufrecht erhalte. “Das ist, glaube ich, sehr abstoßend und da müssen wir alle gemeinsam in die Pflicht.”

“Wieder ins Gespräch kommen”

Politiker müssten anders miteinander reden, sagt Brantner. Sie müssen aber auch mit den Wählern wieder ins Gespräch kommen, meint Klara Laue, Schülerin aus Brantners Wahlkreis Heidelberg. “Klar wünscht man sich, dass die näher an einem dran sind, dass man die in der eigenen Stadt auch einfach treffen kann.” Aber es gebe so viele Politiker, sie denke, man könne auch E-Mails oder Briefe schreiben. “Also wenn man sich wirklich mit Leuten auseinandersetzen will, dann kann man das auch machen.”

Eine junge Reisegruppe besucht das Parlament
A. Müller, ARD Berlin
06:41:00 Uhr, 02.08.2016

Zuletzt aktualisiert: 16.12.2017, 04:16:36