“Schneiden tut man ja im Kopf – nur die Technik ändert sich”

Gepostet am 30.12.2016 um 16:45 Uhr

Ich möchte mich auf diesem Wege nach spannenden, interessanten und schönen Jahren hier im ARD-Hauptstadtstudio in den Ruhestand verabschieden. Es ist ein komisches Gefühl. Vielen Dank an alle Kollegen für die gute Zusammenarbeit und große Kollegialität. Ihr werdet mir fehlen.

Danke für die vielen schönen Geschenke zum Abschied. Es kommt eine Postkarte, wenn ich den Reise-Gutschein einlöse.

Es hat sich gut und toll angefühlt, dieses Hauptstadtstudio 1999 mit seiner neuen digitalen Servertechnik mit auf den Weg zu bringen. Die Aufregung und Spannung, die Euphorie der ersten Zeit ist Geschichte, der Alltag ist mittlerweile zur gewohnte Routine geworden.

Aber ich will nicht klagen. Meinen Berufswunsch „Filmschnittmeister“ habe ich nie bereut. Es war und ist ein schöner Beruf, auch wenn er sich jetzt Cutter nennt und einen anderen Ausbildungsweg hat. Ich durfte in meinem Berufsleben viele schöne Filme, Spielfilme und Dokumentationen, diverse Reportagen und Beiträge schneiden. Hier im Hause dann viele, viele Nachrichtenbeiträge. Sie halfen mir, die deutsche Politik und ihre Zusammenhänge besser zu verstehen.  Aber auch Beiträge, deren Inhalte mich oft selbst schockierten. Die Bilder von den einstürzenden Twin-Towers an 9/11, die Wassermassen beim Tsunami, Fukushima oder die Zerstörungen und Opfer der Terror-Anschläge sind in meinem Kopf für immer abgespeichert.

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Auch Bärbel Kunze (rechts) hat uns nach 17 Jahren verlassen und wurde am 30. Dezember gemeinsam mit Juliane Gemmecke vom stellvertretenden Studioleiter Thomas Baumann verabschiedet.

Gute Bilder, schlechte Bilder. Gelernt und ausgebildet zu Filmzeiten, wer kennt das Medium heute noch. Ich lernte am Filmschneidetisch genaues Hinschauen, Eintauchen in das Material, um die beste Sequenz zu finden. Und das Handwerk: Wo schneidet man? Warum gerade dort? Was passt aneinander und was nicht?

Ich lernte Schnittregeln: Was mache ich, wenn etwas nicht zusammenpasst? Und wie funktionieren Erzählstrukturen? Auch die Ton-Gestaltung.  Ich trug weiße Handschuhe, um keine Fingerabdrücke an der Klebestelle zu hinterlassen.

Mit der Wende zog die elektronische Schnitt-Technik in den Schneideraum. Schnitt hieß nun In-Marke setzen, ich merkte mir gute Einstellungen per Time-Code. Ich war abhängig von einer Maschine. Wie sag ich‘s der, damit sie macht, was ich mir im Kopf vorstelle? Schnittregeln ade, ich setzte eine Blende oder einen Effekt, wenn Einstellungen nicht zusammen passten.

Im Vergleich zum Filmbeitrag ging natürlich alles schneller. Nun arbeitete ich nicht mehr mit Regisseuren zusammen, sondern mit Redakteuren. Der Beitrag samt Text entstand im Schneideraum, auch die Sprachaufnahme. 1994 wechselte ich von der Berliner Abendschau zur ARD-Aktuell-Redaktion, von der regionalen Berichterstattung zur meistgesehenen Nachrichtensendung. 

Als 1999 das Hauptstadtstudio an den Start ging, durfte ich hier zu den ersten Mitarbeitern zählen. Ich war stolz. Alles digital und toll, hörte ich überall. Eine genaue Vorstellung hatte ich nicht. Ehrlich – nur ein komisches Bauchgefühl! Aber ich wollte es und fand es sehr spannend.

Mein Schnittplatz war verknüpft mit einem Server, an dem auch die anderen Schnittplätze, der Schaltraum und sogar das Studio hingen. Ich saß vor einem Computer und hatte einen Stift in der Hand. Und trotz Bauchgrummeln und Aufregung machte es mir viel Spaß!

Mein genauer Schnitt wie zu Filmzeiten kam zurück und Änderungen wurden zum Kinderspiel. Man trimmte einfach etwas dazu oder setzte eine Einstellung dazwischen. Ich konnte sehr einfach Tonblenden und Bildeffekte gestalten, Schriften setzen und vieles, vieles mehr. Und mein Schnitt bekam eine neue atemberaubende Geschwindigkeit. Nur wenige Sekunden nach einem Ereignis, einer Rede kann ich aus dem noch einlaufendem Material Sequenzen herausschneiden, zu meinem Beitrag zusammen schneiden und der Bericht ist zur Sendung fertig. Dabei läuft in der Realität alles noch. Und manchmal kam in mir das Ost-Kind-Herzklopfen hoch. Neben mir saßen und sitzen Journalisten, die zu den Besten der Branche zählen.

Doch das ist nun ab 1.1.2017 meine berufliche Geschichte, meine Vergangenheit.

Wer den Schichtdienst hier im Hause kennt, der versteht es. Ich freue mich nun auf meine Zuhause-Zeit. Auf regelmäßiges gesundes Essen. Auf mehr Abende für gesellige Treffen mit Freunden und für gemeinsame Unternehmungen. Auf mehr Zeit im Garten, auf schöne Spaziergänge, auf Reisen, auf mehr Bücher lesen. Wieder eine oder gar zwei neue kleine Miezekatzen. Und schon immer wollte ich mal eine eigene Patchwork-Decke nähen…

Das Jahr 2017 wird für uns alle spannend. So oder so. Allen Kollegen und Kolleginnen hier im Hause wünsche ich weiterhin frohes Schaffen, neue nette Kollegen sowie persönlich alle Liebe und Gute.

Danke für die schöne Zeit. Tschüss Ihr Lieben.  

Juliane Gemmecke

 

Zuletzt aktualisiert: 19.11.2018, 16:33:47