Schlechte Chancen für Fatih und Aydan

Gepostet am 19.04.2017 um 11:23 Uhr

Wer jetzt auf Deutsch-Türken schimpft, macht es sich leicht. So wie Deutschland Migranten behandelt hat, wäre es nicht verwunderlich, wenn diese sich von uns abwenden. Ein Kommentar von Katrin Brand.

Vor gut zweieinhalb Jahren stand Angela Merkel in der Ausbildungswerkstatt der Berliner Verkehrsbetriebe und unterhielt sich mit einem jungen Mann. Fatih berichtete, wie schwierig es sei, mit türkischem Namen überhaupt mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden und wie froh er sei, nun bei der BVG Gleisbauer lernen zu können. Die Kanzlerin hörte zu, nickte und fand, dass Einwandererkinder die gleichen Chancen haben sollten wie deutschstämmige. Dann kam der Sommer 2015 und die Flüchtlinge wurden wichtiger als die, die schon lange da waren. Die Chancengleichheit für die Einwandererkinder rutschte auf der Tagesordnung der Kanzlerin wieder sehr weit nach hinten.

An Geschichten wie die von Fatih, dem Gleisbauer-Azubi, muss man sich aber erinnern, bevor man anfängt auf die Deutsch-Türken zu schimpfen, die sich vermeintlich von der Demokratie abwenden und angeblich nun in großer Mehrheit Erdogan zum allmächtigen Herrscher gewählt haben.

Integration ist keine Einbahnstraße?

Denn wie vorbildlich wirkt denn eine Demokratie, wenn 55 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei ein türkischer Name für einen jungen Menschen nach wie vor ein Makel ist? Und wenn dieses Deutschland jahrelang glaubt, Integrationsgipfel einberufen zu müssen, weil irgendetwas schiefgegangen ist in den Jahrzehnten vorher.

„Integration ist keine Einbahnstraße“, pflegt Angela Merkel bei solchen Gelegenheiten zu nuscheln. Soll heißen: Die Eingewanderten müssen sich eben auch mal bemühen. Auch mal?

Was hat Deutschland denn angeboten? Jobs für ungelernte Arbeiter, die bitte nicht bleiben und schon gar nicht ihre Familien nachholen sollten. Gastarbeiter wurden sie genannt, und ungastlich wieder nach Hause geschickt. Und als sie doch blieben, wurden sie nicht zu Mitbürgern, sondern zu Menschen mit Migrationshintergrund. Das klingt wie eine Behinderung.

Migrationshintergrund hat Nachrichtenwert

55 Jahre danach sind Nachrichtensprecher mit türkischem Migrationshintergrund immer noch selber eine Nachricht wert, wird eine türkischstämmige Integrationsbeauftragte immer noch gefragt, woher sie denn stamme (aus Hamburg), sind türkischstämmige Bundestagsabgeordnete immer noch in erster Linie für Integration zuständig.

Da wäre es nicht verwunderlich sein, wenn Deutsch-Türken sich von dieser Demokratie abwenden würden, weil sie glaubten, dass der starke Mann in Ankara sie besser versteht. Aber sie tun es ja gar nicht.

Nur Wenige haben gewählt

Nur mal nachgerechnet: Rund drei Millionen türkischstämmige Menschen leben in Deutschland, die Hälfte davon war wahlberechtigt. Weniger als die Hälfte davon ist überhaupt zur Wahl gegangen. Und von diesen hat die Mehrheit dann mit Ja gestimmt. Macht wie viel Prozent der türkischstämmigen Menschen im Land? Ungefähr 14.

Interessanter ist es, warum so viele Deutsch-Türken nicht zur Wahl gegangen sind. Vielleicht, weil sie sich für die Türkei gar nicht mehr zuständig fühlen? Das wäre mal eine ganz andere Nachricht.

So oder so: Demonstrativ enttäuscht von den Deutsch-Türken zu sein, das sollten sich die Deutschen jetzt bitte sparen. Sie sollten sich aber sehr wohl ehrlich fragen, ob sie einen Fatih oder eine Aydan zum Vorstellungsgespräch einladen würden.

Zuletzt aktualisiert: 25.09.2017, 09:50:55