“Ein bisschen wie in den Flitterwochen”

Gepostet am 19.10.2016 um 00:45 Uhr

Produktiv, ernsthaft, spannend: Rund drei Stunden hat am Abend das rot-rot-grüne “Strategietreffen” gedauert. Hinterher wirkten manche Teilnehmer geradezu beglückt, berichtet Sabine Müller. Ist Links-Links-Links schon 2017 eine Option?

Produktiv, ernsthaft, spannend: Rund drei Stunden hat am Abend das rot-rot-grüne “Strategietreffen” gedauert. Hinterher wirkten manche Teilnehmer geradezu beglückt. Ist Links-Links-Links schon 2017 eine Option?

Von Sabine Müller, ARD-Studio Berlin

Die ganz Harten hielten drei Stunden lang durch. Viele Teilnehmer des rot-rot-grünen Treffens waren schon früher gegangen, aber erst um halb zehn öffnete sich die Tür zum Sitzungssaal ein letztes Mal. Und so mancher kam richtiggehend beseelt heraus.

“Ich bin schon seit 1968 politisch aktiv – aber das war einer der bewegendsten Momente meiner politischen Laufbahn, weil wir so offen und fair miteinander umgegangen sind”, meinte zum Beispiel SPD-Fraktionsvize Axel Schäfer.

Auch andere Teilnehmer waren voll des Lobes: Konstruktiv war‘s, produktiv, ernsthaft, mit Tiefgang, spannend. Der sozialdemokratische Abgeordnete Frank Schwabe spürte sogar ein Flirren in der Luft: “Es war ein bisschen eine Atmosphäre wie in den Flitterwochen. Es gibt durchaus eine gewisse Euphorie.”

“Lockerungsübungen”: Treffen Rot-Rot-Grün
tagesschau24 00:51:00 Uhr, 19.10.2016

“Wider die österreichischen Verhältnisse”

Etwas nüchterner beschrieb der linke Fraktionsvize Thomas Nord das Treffen: “Wir haben miteinander gesprochen, Vertrauen gebildet und Verständnis füreinander entwickelt.”

So viel Verständnis, dass das grüne Urgestein Jürgen Trittin vermutet, SPD, Linke und Grüne könnten jetzt tatsächlich gemeinsam beginnen, sich der Herausforderung zu stellen, 2017 eine Regierung ohne CDU und CSU zu ermöglichen: “Ich halte das für ein erstrebenswertes Ziel”, meinte Trittin. Denn Rot-Rot-Grün sei “der einzige Weg zu verhindern, dass wir in österreichischen Verhältnissen landen, wo eine große Koalition der anderen folgt”.

“Die Schwarzen haben Angst vor uns”

Die Union aus dem Kanzleramt jagen, das wollen alle – aber manchen SPD’lern war wichtig zu betonen, man solle auch über andere Alternativen zur großen Koalition nachdenken, etwa eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP.

Die Union warnte unterdessen eindringlich vor einem rot-rot-grün regierten Deutschland. Das sei ein Stabilitätsrisiko für Europa und die Welt. Die Teilnehmer im Sitzungssaal 1302 nahmen das allerdings als Bestätigung: Die Schwarzen haben Angst vor uns.

SPD, Linke und Grüne wollen die Gespräche in dieser Runde auf jeden Fall fortsetzen, und ein Linker sagte voraus: Wir werden uns auf gemeinsame Projekte verständigen.

Gabriel und andere Showeinlagen

Bleibt zuletzt noch die Frage, was dieses Treffen eigentlich mehr geadelt hat: dass SPD-Chef Sigmar Gabriel überraschend auf Kurzbesuch vorbeikam? Oder dass die ZDF-Satire-Sendung „Heute Show“ die Zusammenkunft so wichtig fand, dass sie einen Reporter vor Ort hatte? Letztlich fanden viele Teilnehmer beides ziemlich nervig – Showeinlagen, die es nicht gebraucht hätte.

Gabriel war mit großem Getöse kurz nach Beginn des Treffens angekommen, meinte lachend: “Ich wollte nur mal gucken, was die hier so erzählen.” Er blieb dann aber nur eine halbe Stunde für den Eröffnungsvortrag und verschwand, als die inhaltliche Debatte losging.

Aber der SPD-Chef hatte ja noch eine eigene, kleine rot-rot-grüne Runde zu bespaßen – dass die am selben Abend stattfand, war allerdings reiner Zufall, versicherten Abgeordnete, die aus der großen Runde irgendwann zu Gabriel eilten.

“Flitterwochenatmosphäre”: Rot-rot-grünes Strategietreffen
S. Müller, ARD Berlin
23:56:00 Uhr, 18.10.2016

Zuletzt aktualisiert: 16.10.2018, 10:57:27