Risse, Ressentiments und der Schmelzpunkt der Republik

Gepostet am 04.10.2018 um 16:35 Uhr

Der Bundespräsident will den Fliehkräften in der Gesellschaft etwas entgegen setzen. Er wünscht sich mehr demokratischen Patriotismus. Dafür wirbt Steinmeier auch beim fünften „Forum Bellevue“. Von Christian Thiels.

Für Frank-Walter Steinmeier ist es ein Herzensanliegen. Das kann man spüren. Der Bundespräsident ist für einen Ostwestfalen regelrecht leidenschaftlich, wenn er über „Risse und Ressentiments“ in der Gesellschaft spricht und darüber, dass manches darauf hindeute, dass diese Risse „tiefer geworden sind und sich das Klima der öffentlichen Debatte erhitzt hat“.

Im Rahmen der Reihe „Forum Bellevue zur Zukunft der Demokratie“ trifft sich der Mann, der jahrelang Deutschlands oberster Diplomat und heute der höchste Repräsentant der Republik ist, mit Wissenschaftlern, Politikern, Kulturschaffenden, Wirtschafsvertretern und engagierten Bürgern.

Diesmal sitzen die Bildungsforscherin Ute Frevert, die Soziologin Cornelia Koppetsch, der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und Andreas Hollstein, der Bürgermeister von Altena, auf dem Podium. Der Bundespräsident gibt den Moderator – eine Rolle, die zu ihm passt.

Man nimmt es ihm ab

Frank-Walter Steinmeier will nicht nur Stichwortgeber oder salbungsvoller Mahner sein, er will ins Gespräch kommen und er will vermitteln. Und man nimmt ihm ab, dass er dies nicht nur an diesem Nachmittag im edlen Ambiente seines Dienstsitzes im Schloss Bellevue will, sondern dass es ihm um die gesamte Gesellschaft geht.

In der erlebt Steinmeier nach eigenen Worten „einen diffusen Hass auf das so genannte ´Establishment‘, aber auch auf Minderheiten und Andersdenkende“. Doch diesen Hass solle man nicht nur erschrocken beklagen, sondern seine Ursachen unerschrocken ausleuchten und ergründen.

Bildungsforscherin Frevert betont dabei die gestiegene Rolle der Emotionen. Sie würden zusehends als politische Waffe verwendet und „gewinnen als Argument an Boden“, wo früher die Fakten entscheidend waren. Auch der Bundespräsident beklagt den kommunikativen Klimawandel – vor allem durch die Digitalisierung.

Er meint damit, dass Menschen sich abkapseln, sich in gefühlten Wahrheiten bestätigen und geschlossene Weltbilder entwickeln. Das trage dazu bei, dass manche Gruppen „sich gar nicht mehr verständigen können und wollen“.

“In der Pubertät”

Dabei gebe etwa die Vernetzung jedem Bürger die Chance, ein hörbare Stimme zu haben, hält Medienwissenschaftler Pörksen dem entgegen. Allerdings räumt er auch ein, dass diese Möglichkeiten auch mit einer Deregulierung der Kommunikation einher gingen: „Wir befinden uns sozusagen in der Pubertät dieser neuen Form des Austauschs“, sagt Pörksen.

Die digitale Republik – bevölkert von emotionsgesteuerten, unreifen Rabauken also? Nicht ganz, findet Cornelia Koppetsch. Die Soziologin verweist auch auf die Rolle der Eliten in der Debatte: „Es sollte nicht nur um einseitige Schuldzuweisungen an die Adresse der Populisten gehen“. Auch die akademisch-geprägte liberaldemokratischen Schichten müssten sich der Problematik stellen, dass auch sie ihre Interessen oft zu sehr in den Mittelpunkt stellten und wenig Rücksicht auf andere Schichten und der Bedürfnisse nähmen.

“Wir dürfen die Menschen nicht ausgrenzen”

Einer, der das Auseinanderdriften der Gesellschaft sehr unmittelbar erlebt, ist Andreas Hollstein. Der Bürgermeister der Kleinstadt Altena wurde bundesweit bekannt, weil er sich in seiner Kommune besonders für die Integration von Flüchtlingen einsetzt.

Dieses Engagement könnte auch bei einer glimpflich verlaufenen Messerattacke auf Hollstein im November vergangenen Jahres eine Rolle gespielt haben. Trotzdem sagt er: „Wir dürfen die Menschen nicht ausgrenzen. Dabei rede ich nicht von den Neonazis, sondern den Protestwählern“.

Eine etwas akademische Diskussion

Auf deren konkrete Probleme durch schlechten öffentlichen Nahverkehr oder schwindenden Einkaufsmöglichkeiten auf dem Land müsse man mit konkreter Politik reagieren, von der die Menschen etwas hätten. Denn die empfänden zusehends eine Erosion ihrer Heimat.

Hollstein erdet die zuweilen etwas akademische Diskussion und erntet dafür viel Applaus. Für den Bundespräsidenten steht aber trotz aller attestierten Gereiztheit der Gesellschaft fest: „Unsere Demokratie steht noch nicht kurz vor dem Schmelzpunkt“.

Zuletzt aktualisiert: 18.11.2018, 15:58:55