re:publica 2018 – gefangen in der Filterblase

Gepostet am 03.05.2018 um 17:48 Uhr

Datenschutz, Hass im Netz, Zukunft der Arbeit: Zu besprechen gibt es genug. Die Medienkonferenz re:publica ist dafür eigentlich ein guter Ort – hat aber einen grundsätzlichen Fehler, kommentiert Marko Milovanovic.

Stellen Sie sich vor, Sie machten irgendwas mit Medien und gingen zu einer Pressekonferenz. Eingeladen dazu wurden Sie von anderen Medienmachern, die auf der Konferenz über sich sprechen und andere Medienmacher interviewen. Selbstverständlich berichten Sie darüber, denn alle anderen Medienmacher tun es ja auch. Raten Sie mal, wo Sie sind. Genau: willkommen auf der re:publica.

Denn auch wenn die re:publica mehr als ein Klassentreffen von Online-Journalisten sein will, nämlich eine Konferenz über „das Internet“, Social Media und ganz allgemein den digitalen Teil unserer Gesellschaft, berichten auf den Panels größtenteils Medienmacher über ihre Arbeit, während im Publikum ihre Kollegen sitzen. Die Veranstalter wissen das natürlich, vielleicht tauchen deshalb überall immer wieder Seifenblasen auf, die wohl die Filterblase symbolisieren sollen, in der sich hier alle befinden.

Hass im Netz

Es wird viel über eines der wichtigsten Digitalthemen der letzten Jahre gesprochen: Hass im Netz. Der Youtuber Rayk Anders stellt seine Dokumentation „Lösch dich!“ vor, Jan Böhmermann berichtet von seiner Gegentrollarmee, die er lieber nicht „Armee“ nennen will, und auch Kollegen von den Öffentlich-Rechtlichen, wie Dunja Hayali, Kai Gniffke und Georg Restle, berichten über ihre Erfahrungen mit Hasskommentaren im Netz.

Die Hallen in der Station Berlin sind dabei so voll, dass man immer wieder vor verschlossenen Türen mit dem Schild „over capacity“ steht. Denn, natürlich, das Thema ist wichtig, ist interessant, und noch hat niemand ein Patentrezept gefunden, wie man mit dem Hass im Netz umgehen soll. Nur: Warum reden hier fast nur Medienmacher mit anderen Medienmachern darüber? Statt dieselbe Meinung zum Thema ständig zu reproduzieren, wäre es doch vielleicht interessanter, Psychologen oder gar Trollen zuzuhören, um mal eine andere Sicht auf das Thema zu bekommen.

Wenn die Veranstalter mutiger wären, würden sie vielleicht gar Leute wie Stephen Bannon oder Alice Weidel einladen. Man muss nicht mögen, was auf einem Panel erzählt wird, aber man könnte so möglicherweise für einen lebhafteren Diskurs sorgen und, wenn man Glück hat, sogar die eine oder andere Information mehr von der Gegenseite erfahren.

Doch die re:publica ist ein Wohlfühlort für junge und junggebliebene Medienmacher, die vor allem einmal im Jahr unter sich sein wollen. Vielleicht gilt hier aber auch die alte Internetweisheit „Don’t feed the troll“. Das Problem ist nur: Indem wir über die Trolle und ihre Hassausschüttungen im Netz sprechen, füttern wir sie eben auch.

Die eigene Wohlfühlblase

Dass man hier lieber in der eigenen Wohlfühlblase durch die Veranstaltung schwebt, sah man auch gleich am ersten Tag beim „Fireside Chat“ mit Chelsea Manning. Natürlich freut man sich als aufgeklärter Demokrat darüber, dass eine Whistleblowerin nach sieben Jahren Gefängnis wieder in Freiheit ist, auch wenn manche US-Amerikaner das anders sehen.

Nur: Die Art, wie das „Kamingespräch“ hier von den Moderatorinnen Geraldine de Bastion und Theresa Züger geführt wurde, erinnert einen an das unglückliche Kanzlerinnen-Interview des Youtubers LeFloid: Immerzu nickend, begeistert, zustimmend. Kritischer Journalismus sieht anders aus. Und auch die Stimmung im Publikum hatte etwas von den jährlichen Apple-Produktvorstellungen: Jubel und Applaus, immer wieder und ausgelassen.

Ein weiterer Verdacht kommt auf, wenn man re:publica- und netzpolitik.org-Gründer Markus Beckedahl bei seinem Vortrag zuhört: Hier wird das übliche Programm abgespult, dankbar vom Publikum angenommen und auf Twitter und in Artikeln reproduziert. Er hat ja mit allem, was er sagt Recht: Die neue Bundesregierung weiß immer noch nicht, wie sie mit der Digitalisierung umgehen soll. Datenschutz ist immer noch ein riesiges Problem, der Facebook-Konzern gehört immer noch zerschlagen.

Beckedahl hat auch Vorschläge, wie die großen Monopole im Internet durch eine vernünftige Gesetzgebung aufgelöst werden könnten. Doch allein wie er das vorträgt, erinnert einen an die ewig gleichen Pressestatements von Linken-Politikern, die seit Ewigkeiten auf die gleichen Ungerechtigkeiten mit den immergleichen Sätzen reagieren.

Applaus verändert nichts

Beckedahl mit der Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, im Streitgespräch – das wäre ein weitaus fruchtbarerer Ansatz gewesen. Denn jetzt wirkt Beckedahl wie ein frustrierter Aktivist, der fortlaufend lamentiert und den auch der Zwischenapplaus des Publikums nicht mehr aufmuntern kann. Möglicherweise weil er weiß, dass Applaus nichts verändert.

Wenn dann mal doch Politiker kommen, verläuft es wie bei Arbeitsminister Hubertus Heil: Der hält eine Rede zum Panel „FOMO: Der neue Alltag in Medienunternehmen – Unsicherheit managen“. Der Saal ist voll, die versammelten Medienmenschen wirken aufgeregt, einem Minister so nahezukommen.

Analoge Echokammer

Heil hingegen ist alles andere als nervös, er spult freiredend eine Rede ab, die er so auch auf jedem SPD-Sommerfest vortragen könnte: Arbeitsmarkt und Arbeitszeiten müssen flexibler werden. Und er als Minister ist an dem Thema dran. Auf diese zwei Sätze lässt sich die zwanzigminütige Rede runterbrechen, danach freut sich Heil noch auf die anschließende Podiumsdiskussion von vier – Sie ahnen es – Medienmenschen. Er selbst setzt sich in die erste Reihe, nicht aufs Podium.

Vielleicht erfüllt die re:publica alles in allem aber doch einen Zweck: Die Probleme, die wir heute mit dem gesellschaftlichen Diskurs im Netz haben, transferiert die Konferenz sehr anschaulich in die analoge Wirklichkeit: Filterblasen und Echokammern entstehen auch dort.

Zuletzt aktualisiert: 30.09.2020, 16:55:41