Höhere Ostrenten = niedrigere Ostlöhne

Gepostet am 20.07.2016 um 15:08 Uhr

Eine Forderung nach einer Anpassung der Renten in Ost und West ist ein Dauerbrenner. Arbeitsministerin Nahles arbeitet an einem Vorschlag, doch die Sache ist knifflig: Experten warnen vor Nachteilen für Arbeitnehmer im Osten. Von F. Aischmann.

Eine Forderung nach einer Anpassung der Renten in Ost und West ist ein Dauerbrenner. Arbeitsministerin Nahles arbeitet an einem Vorschlag, doch die Sache ist knifflig: Experten warnen vor Nachteilen für Arbeitnehmer im Osten.

Von Frank Aischmann, ARD-Hauptstadtstudio

Aus Sicht der Rentenversicherung ist Deutschland nach wie vor geteilt – eine virtuelle Mauer trennt die Rentengebiete West und Ost.  

Angenommen also, ein Arbeitnehmer zieht aus dem West Berlins in den Ostteil der Stadt oder von München nach Erfurt, dann hat das Einfluss auf seine späteren Altersbezüge. Im alten Bundesgebiet erhält ein Durchschnittsverdiener derzeit gut 3000 Euro Bruttoverdienst im Monat, erläutert Reinhold Thiede, der als Forschungsleiter der Deutschen Rentenversicherung die Berechnung im Schlaf beherrscht.

Dieser Arbeitnehmer, so Thiede, bekommt für diese 3000 Euro etwa einen Entgeltpunkt. Der Entgeltpunkt wird derzeit mit etwa 30,45 Euro. Dieser Rentenwert West, multipliziert mit der Zahl der Beitragsjahre, ergibt die Bruttorente – multipliziert man also 30,45 Euro mit 45 Beitragsjahren, ergibt das 1370,25 Euro.

Für den Osten gilt ein anderer Faktor

Der sogenannte Rentenwert Ost dagegen fällt deutlich niedriger aus. Er liegt bei 28,66 Euro – oder  94 Prozent im Vergleich zum Rentenwert West. Aber das muss den in Richtung Osten umziehenden Arbeitnehmer nicht stören. Wenn er in den neuen Ländern auch 3000 Euro verdient, wird sein Gehalt von 3000 Euro zunächst rentenrechtlich um einen Faktor von etwa 14 Prozent hoch gewertet, also mit 1,14 multipliziert, erläutert Thiede weiter.

Warum aus einem Euro Rentenbeitrag per Umrechnungsfaktor der Rentenformel 1,14 Euro werden? Weil der Durchschnittslohn im Osten 14 Prozent  unter dem Westniveau liegt. Es geht also um ausgleichende Gerechtigkeit. Die Beitrags-Aufwertung wird übrigens auch durch den niedrigeren Rentenwert Ost nicht aufgefressen, so dass der Arbeitnehmer bei gleichem Einkommen im Osten rund 1470 Euro bekäme, 100 Euro mehr als  im Westen.

Das klingt gut, aber: der Durchschnittlohn-Ost nähert sich dem Westen viel langsamer an, als kurz nach der deutschen Einheit erhofft oder vermutet. Mit derzeit 87,1 Prozent ist eine Angleichung in wenigen Jahren nicht in Sicht, was auch an der ganz unterschiedlichen Unternehmens- und Beschäftigtenstruktur liegt.

Eine Angleichung würde Milliarden kosten

Aber warum nicht trotzdem beides auf einen Schlag streichen? Ostbeiträge werden nicht mehr künstlich hochgerechnet, dafür klettert der niedrigere Rentenwert Ost auf das Westniveau – und fertig ist die gesamtdeutsche Rente (was übrigens jährlich rund drei Milliarden Euro zusätzlich kosten würde)?

„Das hört sich immer einfach an“,  sagt Reinhold Thiede von der Rentenversicherung. Auch hätten Rentner im Osten sicher keine Einwände gegen sofort kräftig steigende Renten.

Andere, nämlich rund sechs Millionen Arbeitnehmer, würden dagegen verlieren:  „Die Versicherten, die Arbeitnehmer in den neuen Ländern, die im Durchschnitt ja noch weniger verdienen als in den alten Ländern, würden die Hochwertung nicht mehr bekommen, denn die Lohnangleichung würde dann ja nicht mehr weiter im Rentenwert ausgeglichen.“

Ein Stufenmodell zeichnet sich ab

Und so wird die Bundesregierung das Rentenniveau Ost nicht zu einem Stichtag auf den Westwert anheben, sondern in wenigstens zwei Stufen – und dabei die Höherwertung der Beiträge Ost deutlich absenken. So könnte es die zuständige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles noch in dieser Woche verkünden.

Während die genauen Werte und Fristen der Rentenangleichung noch unbestätigt sind, steht der Name des Gesetzes, mit dem auch bei der Rente die letzten Mauern zwischen Ost und West fallen sollen, schon seit längerem fest: Rentenüberleitungsabschlussgesetz.

Zuletzt aktualisiert: 20.08.2019, 20:44:35