Protestieren und berichten – die Rolle von Journalisten im Fall Yücel

Gepostet am 28.02.2017 um 15:24 Uhr

Die Inhaftierung des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel in der Türkei bedeutet für uns Journalisten eine besondere Herausforderung, denn wir begegnen ihr in einer doppelten Rolle.

Auf der einen Seite geht es um eine höchst umstrittene Gerichtsentscheidung, die sich zu einer erheblichen politischen Belastung im deutsch-türkischen Verhältnis entwickelt. Das wird zum Beispiel daran deutlich, dass Bundeskanzlerin und Außenminister die Bemühungen um die Freilassung von Deniz Yücel zur Chefsache erklärt haben. Darüber hinaus gibt es vielfältige Demonstrationen, Autokorsos und Solidaritätsaufrufe. Über all das berichten wir – nach strengen professionellen Standards.

Zugleich sind wir aber Kolleginnen und Kollegen von Deniz Yücel. Er sitzt, wie über 150 türkische Journalisten, im Gefängnis, weil er seine Arbeit gemacht hat. Seine Inhaftierung zielt auf das Fundament unseres Berufs, sie ist ein Angriff auf die Pressefreiheit.

Viele von uns engagieren sich deshalb öffentlich für seine Freilassung. Auch die Chefredakteurin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, hat mit vielen anderen Medienverantwortlichen einen ganzseitigen Aufruf unterzeichnet, der heute in fast allen großen Tageszeitungen erschienen ist:


„Es ist ein Zeichen für einen tollen Kollegen, den ich persönlich kenne. Es ist aber vor allem eine Solidaritätsadresse für alle türkischen Journalisten, die eingesperrt sind. Die haben ihre Arbeit gemacht. Die haben kritisch berichtet. Genau das wird ihnen jetzt zum Verhängnis. Und da können wir als deutsche Journalisten nicht schweigen“.

Wir sind uns der besonderen Situation bewusst. Wir berichten über einen Konflikt, in dem wir nicht neutral sein können, wenn wir unseren Beruf ernst nehmen. Und wir berichten über Aktionen und Demonstrationen, an den wir selber oder Kollegen von uns beteiligt sind.

Eine Gratwanderung

Das ist eine Gratwanderung. Uns ist deshalb wichtig, diese doppelte Rolle transparent zu machen. Unsere Berichterstattung wird sich daran messen lassen, ob unsere Fakten sauber recherchiert sind, ob die Gewichtungen stimmen – und ob wir auch so berichten würden, wenn es nicht um einen geschätzten Kollegen und um die Pressefreiheit gehen würde.

Und wir werden uns sehr bewusst einen differenzierten und objektiven Blick auf die vielfältigen Entwicklungen in der Türkei bewahren. Über solche Fragen werden wir in diesem Fall besonders sorgsam sprechen – in unseren Konferenzen, bei den Abnahmen der Beiträge im Schneideraum und gerne auch im Austausch mit Ihnen, unseren Zuschauerinnen und Zuschauern.

Solidarität ist unverzichtbar

Darüber hinaus aber wird jeder Korrespondent im ARD Hauptstadtstudio frei entscheiden, ob und in welcher Weise er seine Solidarität mit verfolgten Kollegen auch weiter öffentlich demonstrieren möchte. Tina Hassel nennt es einen „Scheinwerfer“, den wir auf das Schicksal der Kollegen richten müssen, damit sie nicht in den Gefängnissen vergessen werden. Für Deniz Yücel und viele andere Journalisten, die wegen ihrer Arbeit verfolgt werden, ist diese Solidarität unverzichtbar.

Unser Social Media Team ist fein, aber klein, unsere Korrespondenten täglich im Einsatz. Diskutieren Sie deshalb mit Arnd Henze direkt auf Twitter, über den Facebook-Kanal des ARD-Hauptstadtstudios oder schicken Sie uns eine Email: Socialmedia@ard-hauptstadtstudio.de

Zuletzt aktualisiert: 26.03.2017, 05:31:59