Infektionsquelle Bordell?

Gepostet am 19.05.2020 um 20:12 Uhr

Mehrere Bundespolitiker fordern, den während der Corona-Pandemie verhängten Stopp der Prostitution beizubehalten. Sie befürchten Infektionsherde. Zudem sei die Arbeit „menschenunwürdig“. Von Dirk Rodenkirch.

Mehrere Bundespolitiker fordern, den während der Corona-Pandemie verhängten Stopp der Prostitution beizubehalten. Sie befürchten Infektionsherde. Zudem sei die Arbeit „menschenunwürdig“.

Von Dirk Rodenkirch, ARD-Hauptstadtstudio

„Wir möchten Sie bitten, dabei zu bleiben, keine Lockerung bei der Prostitution und keine Öffnung von Bordellen zuzulassen“, heißt es in einem Brief mehrerer Bundespolitiker an die Länder, der dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt. Ansonsten seien in Corona-Zeiten neue Infektionsherde zu befürchten.

Der SPD-Gesundheitsexperte und Mediziner Karl Lauterbach ist einer der Unterzeichner des Briefes. Er sagt, Prostitution könne aktuell nicht sicher stattfinden. „Prostituierte sind – wie aber auch die Freier – einem erheblichen Infektionsrisiko ausgesetzt“, meint Lauterbach. Darüber hinaus könnten so Hotspots entstehen und sich „Superspreader entwickeln“.

Anonyme Kontakte und kaum Nachverfolgung

Es gehe um Menschen, die besonders viele Personen mit dem Virus anstecken könnten. Die Verbreitung würde schnell viele Freier und ihre Partner, Familien, Freunde und Kollegen einbeziehen, warnen Lauterbach und die anderen Abgeordneten. Sie verweisen darauf, dass sexuelle Handlungen mit Abstandsregeln kaum vereinbar seien. Zudem würden Kontakte mit Prostituierten in der Regel verschwiegen werden.

Die Kontakte seien anonym und eine Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter daher kaum möglich, so Lauterbach weiter.

Generelles Sexkaufverbot gefordert

Den Abgeordneten geht es nicht nur darum, Prostitution während der Corona-Krise zu unterbinden. Sie setzten sich für ein generelles Sexkaufverbot ein. Die Arbeit der Prostituierten sei menschenunwürdig, zerstörerisch und frauenfeindlich.

Deshalb, betont die CDU-Abgeordnete Lisa Winkelmeier-Becker, seien ihre Kollegen und sie der Auffassung, dass man einen Systemwechsel brauche. Winkelmeier-Becker hat den Brief an die Länder maßgeblich mit auf den Weg gebracht.

Das „nordische Modell“

Wie ihre Mitstreiter fordert die Abgeordnete, auch in Deutschland das „nordische Modell“ einzuführen. Dieses gehe davon aus, dass sich diejenigen strafbar machen, die Sex kaufen wollen, erklärt Winkelmeier-Becker. Nicht strafbar machen sich hingegen die Prostituierten.

Für Freier und Zuhälter sind damit Geldstrafen oder Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr verbunden. Das Ziel: die Nachfrage nach gekauftem Sex senken. Das Modell gibt es in Norwegen, Island und Irland, aber auch in Frankreich.

Ausstiegsprogramm für Prostituierte

Damit verbunden sei laut Winkelmeier-Becker auch ein Ausstiegsprogramm für Prostituierte, um den Betroffenen zu helfen, in andere Berufe hinein zu kommen. Prostituierte, die gerade keinerlei Einnahmen haben, brauchen aber schnelle Hilfe. Nach Angaben des „Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen“ ist die Situation vieler Frauen katastrophal. Die Pandemie verschärfe die Probleme wie Armut, mangelnden Gesundheitsschutz und Wohnungslosigkeit.

Auch hier müsse es staatlichen Hilfe geben, fordert Lauterbach. Auch Prostituierte seien Gewerbetreibende. Der Knackpunkt: Schätzungen nach gibt es in Deutschland bis zu 400.000 Prostituierte, aber nur etwa 33.000 sind bei den Behörden angemeldet. Und nur wer registriert ist, kann auch Hilfe vom Staat beantragen.

Prostitution: Politiker fordern dauerhaften Lockdown und ein Sexkaufverbot
Dirk Rodenkirch, ARD Berlin
17:38:00 Uhr, 19.05.2020

Zuletzt aktualisiert: 21.09.2020, 08:21:23