Einschulung in der Grundschule in Völklingen// Bild: Imago/Becker & Bredel

Pro und Contra: Müssen Kinder zwingend vor der Grundschule Deutsch lernen?

Gepostet am 06.08.2019 um 14:36 Uhr

Für Kinder, die schlecht Deutsch sprechen, kann die Grundschule zur Herausforderung werden. CDU-Politiker Carsten Linnemann spricht sich deswegen für eine Vorschulpflicht aus. Richtig so, findet Sabine Henkel. Isabel Reifenrath sieht das anders.

Sabine Henkel findet: Ja – nur wer die Sprache beherrscht, kann sich im Unterricht einbringen

Ein Kind, das kaum deutsch spricht hat also auf einer Grundschule nichts zu suchen. Das klingt hart und ungerecht. Denn wo sonst als in einer Schule sollen Kinder denn lernen – auch die deutsche Sprache?! Carsten Linnemann aber hat mehr gesagt als das. Nämlich: Es müsse eine Vorschulpflicht greifen. Kinder aus Einwanderfamilien sollen verpflichtet werden, vor der Einschulung die deutsche Sprache zu lernen. Und damit hat der CDU-Mann Recht!

Gute Sprachkenntnisse fördern auch die Integration

Kinder im Alter von drei oder vier Jahren erlernen eine Sprache spielend leicht und können sich dann in der 1. Klasse nicht nur sofort in den Unterricht einbringen, sondern sich auch besser integrieren. Natürlich gibt es Fälle, die belegen, dass es auch ohne Deutschkenntnisse geht. Mittlerweile erwachsene Akademiker haben genau das erlebt: Ohne ein Wort deutsch zu können eingeschult worden zu sein und trotzdem Karriere gemacht zu haben. Die Landtagspräsidentin in Baden-Württemberg zum Beispiel. Aber wer garantiert denn, dass es bei anderen auch so gut läuft und wieso soll man es den Kindern nicht leichter machen?

Und nicht nur ihnen, auch den Lehrerinnen und Lehrern. Die sollten sich bei allen Herausforderungen nicht auch noch um Spracherwerb und Sprachförderung kümmern müssen, wenn man das Problem auch anders lösen kann: Mit qualifizierten Kollegen, die Kinder anderer Kulturen bestmöglich auf die Schulzeit vorbereiten. Dass das bis heute nicht konsequent passiert, ist der Skandal, nicht die Einlassung von Carsten Linnemann.


Isabel Reifenrath meint: Nein – die aktuelle Diskussion verfehlt das Problem

Carsten Linnemann will Kinder, die schlecht Deutsch sprechen, später einschulen. Er wünscht sich Vorschulen, in denen die Kinder auf die Grundschule vorbereitet werden. Die Idee finde ich gar nicht mal schlecht, nur völlig unrealistisch. Denn es gibt in Deutschland keine Vorschulen. Und wir werden so bald auch keine bekommen. Es gibt schon jetzt zu wenige Grundschullehrer und viel zu wenig Personal in den Kitas und Kindergärten.

Deshalb ist Linnemanns Vorschlag wirklich für die Tonne. Er bedient rassistische Vorurteile und benennt nicht die wirklichen Probleme. In der Realität sind Lehrer und Betreuer schon lange überfordert – nicht erst seit 2015. Schon vorher saßen sie in renovierungsbedürftigen Räumen mit viel zu vielen Kindern. Jahrelang ist der einzige öffentliche Raum, der noch von der ganzen Gesellschaft genutzt wird, kaputtgespart worden. Deshalb schicken Eltern ihre Kinder auf Privatschulen.

Die Bildungsmisere nicht auf dem Rücken der Kinder austragen

Seit 2015 gibt es zumindest mehr Deutsch als Zweitsprache – Klassen, mehr Förderunterricht und mehr Kita-Plätze. Natürlich von Land zu Land unterschiedlich und nicht ausreichend – weil Bildung immer noch Ländersache ist. Ein Problem, ja. Aber zu suggerieren, die Lösung der Bildungsmisere könnte ein Ausschließen der Kinder sein, die es sowieso schwieriger haben als die anderen – spielt nur denen in die Hände, die diese Kinder als Störfaktor sehen und sie gar nicht in Deutschland wollen. Genau diese Haltung fördert Ressentiments.

Die Kinder sind aber da, sie sind Teil unserer Gesellschaft. Sie brauchen mehr Lehrer, mehr Förderunterricht und auch mehr Geld. An den Grundschulen, in den Kitas und an den weiterführenden Schulen.

Zuletzt aktualisiert: 13.12.2019, 11:21:11