Zwei junge Männer leisten ihren Bundesfreiwilligendienst bei den Johannitern Copyright: imago/epd

Pro und Contra: Dienstpflicht statt „Bufdi“?

Gepostet am 28.11.2019 um 16:22 Uhr

Schon als CDU-Generalsekretärin schlug Annegret Kramp-Karrenbauer eine allgemeine Dienstpflicht für junge Menschen vor. Jetzt wirbt die CDU-Chefin für eine breite Debatte, die sie im Bundestag oder im nächsten Wahlkampf vertiefen will.
Kann ein verpflichtendes Jahr bei der Feuerwehr, dem Bund oder in der Pflege den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken? Sabine Henkel und Anita Fünffinger vertreten unterschiedliche Positionen.

Soziale Arbeit gehört in die Hände von Fachkräften, findet Sabine Henkel, WDR:

Eine Dienstpflicht, die das Ehrenamt entlasten soll: Klingt gut, klingt schön. Ist aber komplett daneben. Denn was bringt wohl eine Verpflichtung zum Dienst am Menschen? Wer Kinder hütet, Alte pflegt oder Behinderte betreut, sollte ja wohl ein Mindestmaß an sozialer Kompetenz mitbringen. Überprüft das in diesem Fall jemand ? Nein. Der Vorschlag einer Arbeitspflicht in einer sozialen Einrichtung gehört in den Papierkorb.

Das Ganze ist zum Scheitern verurteilt. Denn wer wird schon motiviert ins Altenheim gehen, wenn er muss, aber nicht will? Alte Menschen füttern, Windeln wechseln, Nachttöpfe leeren: Wer das macht, sollte verantwortungsbewusst, geduldig und belastbar sein. Die Jobs sind schlecht bezahlt, undankbar und überaus anstrengend, deshalb fehlen so viele Fachkräfte. Verpflichtete Schülerinnen und Schüler können diese auch nicht ersetzen. Abgesehen davon haben Schutzbedürftige ein Recht auf qualifiziertes Personal. Das aber müsste sich dann auch noch um die Dienstpflichtigen kümmern, was Zeit kostet, die dann für die eigentliche Arbeit fehlt.

Die junge Generation soll der Gesellschaft etwas zurückgeben, sagen die Befürworter der Dienstpflicht. Wofür denn? Die junge Generation wird doch genug für die Solidargemeinschaft leisten müssen, wenn die Rentenkasse kollabiert.
Es ist wichtig, dass Kramp-Karrenbauer sich Gedanken über den Zerfall der Gesellschaft macht. Die Dienstpflicht ist dafür allerdings keine Lösung, sondern Unsinn.

Eine Dienstpflicht wäre gut für unsere Gesellschaft, betont Anita Fünffinger, BR:

Wer ist denn eigentlich der Staat? Die Politiker da oben? Das Finanzamt? Die Rentenversicherung? Ja, und wir! Die Gesellschaft – wir alle, wir Bürger des Staates. Und wir haben ein Problem: Uns geht langsam aber sicher die Solidarität verloren. Das, was Deutschland mal ausgemacht hat, ist immer seltener spürbar: Füreinander einzustehen.

Es gibt Menschen, die haben das nicht mehr gelernt, zuhause nicht und in der Schule auch nicht. Weil ihnen gesagt wurde: Du und Dein persönliches Vorankommen stehen ganz vorn! Dafür tun wir alles. Wir Eltern, wir Politiker.
Die Devise war klar: Junge Menschen sollten früher mit der Schule fertig sein, schneller studieren, damit sie möglichst früh in das Berufsleben eintreten. Heute wissen wir: Der Bachelor hat nicht alles besser gemacht. Die Wirtschaft beklagt sowohl die schulische, aber vor allem die persönliche Unreife vieler Jugendlicher.

Was lässt einen Menschen wachsen? Aufgaben, die erst einmal nicht attraktiv erscheinen. Ein Jahr lang im Altersheim Bettpfannen wechseln? Ja! Sich ein Jahr lang in der Obdachlosenhilfe die Geschichten von Alkoholikern anhören? Ja! Warum? Damit die vielen, die solche Probleme nicht haben, spüren, wie gut es ihnen geht. Und, dass hier in dieser Gesellschaft niemand fallen gelassen wird. Selbst merkt das nur derjenige, der Hilfe braucht.
Die anderen müssen es lernen: Mit einer Dienstpflicht, die ordentlich bezahlt werden muss und sich damit auch ordentlich in der Rente niederschlägt. Denn der Dienst am Menschen ist ein Dienst für uns alle. Für die Gesellschaft als Teil des Staates – und das sind wir.

Zuletzt aktualisiert: 15.12.2019, 01:36:10