Pro & Contra: Politiker bei #wirsindmehr

Gepostet am 04.09.2018 um 14:57 Uhr

Zehntausende haben in Chemnitz ein Zeichen gegen Gewalt und Fremdenhass gesetzt. Hätten sich auch führende Bundespolitiker zeigen müssen? Ein Pro & Contra von Nina Barth und Horst Kläuser.

Pro: Auch Politiker müssen Gesicht zeigen

Was für ein Zeichen – Zehntausende auf dem Konzert in Chemnitz. Wir sind mehr – das haben sie eindrucksvoll gezeigt. Es waren beeindruckende Bilder. Und nein, Reden von Politikern habe ich da nicht vermisst. Aber: Dass sie da sind, dass sie Gesicht zeigen. Als Zeichen der Solidarität mit der Zivilgesellschaft, die gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit aufgestanden ist. Ein einzelnes Konzert ändert nichts an den Dingen, die zuletzt in Chemnitz passiert sind. Es ändert auch nichts an den Problemen, die wieder einmal so offensichtlich geworden sind.

Aber wie sagte der Sänger der Band Kraftklub: „Manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist.“ Und ich finde, er hat Recht, genau darum ging es gestern Abend. Mag sein, dass unsere Bundespolitiker befürchtet haben, sie würden an diesem Abend Horden von Rechten anlocken so wie wir sie in den vergangenen Tagen in Chemnitz gesehen haben. Aber das darf Politiker nicht abhalten.

Außenminister Heiko Maas hat im Kampf gegen Rassismus Bequemlichkeit angeprangert – und gefordert, wir müssten auch mal vom Sofa hochkommen. 65.000 haben das gestern Abend getan. Und das hätte ich mir auch von unseren Bundespolitikern gewünscht. Keine Reden, einfach nur ihre Gesichter. Politik Seite an Seite mit der Zivilgesellschaft – das wäre ein starkes Zeichen gewesen.

Contra: Die Antwort des freiheitlichen, weltoffenen Deutschlands

Da rocken 65.000 Menschen in Chemnitz zu den „Toten Hosen“ oder „Kraftklub“ und zeigen den Rassisten die musikalische rote Karte. Und kein einziger Bundespolitiker auf der Bühne. Wunderbar! Ich habe die Bundeskanzlerin im roten, blauen oder gelben Blazer nicht vermisst, auch nicht Horst Seehofer in mausgrau oder die Hamburger Stimmungskanone Olaf Scholz.

Stattdessen starke Musiker, die ins Volk schrien, dass sie mit dem braunen Pöbel nix zu tun haben wollen. Und das Volk kam. Und genau deshalb haben mir die üblichen Politikernasen der demokratischen Parteien nicht eine Sekunde lang gefehlt. Klar, ich hätte denen sogar die Reden vorschreiben können: betroffen vom Tod eines unschuldigen Menschen, erschreckt von der Feindseligkeit, demokratische Antwort des Staates geben, Werte wahren und so weiter und so weiter. Kennen wir. Ist wohl durchaus ernst gemeint, aber einfach schon zu oft gesagt.

Deshalb Musik: Punk, Rock, Rap. Das ist die Antwort des freiheitlichen, des weltoffenen Deutschlands. Dafür braucht es keine Politiker. Die sollen das laute Signal aus Chemnitz für die fälligen politischen Weichenstellungen hören und umsetzen. Das geht aber genauso gut in Berlin oder München. In Sachsen jedenfalls haben mir Merkel, Nahles, Scholz & Co. nicht gefehlt. Diesmal nicht.

Autoren: Nina Barth (pro) und Horst Kläuser (contra)

Zuletzt aktualisiert: 17.10.2018, 17:57:05