Pro & Contra: Ist Merkels Zittern Privatsache oder von öffentlichem Interesse?

Gepostet am 11.07.2019 um 18:28 Uhr

Wieder ein Zitteranfall und Merkel betont, ihr gehe es gut. Was steckt dahinter, sollte die Öffentlichkeit mehr über die Gesundheit der Kanzlerin wissen? Frank Aischmann und Sabine Henkel sind sich da nicht einig.

Die Bürger sind zu recht besorgt, findet Frank Aischmann:

Nur ein Kilometer ist es vom Kanzleramt zur Charité, knappe zwei Kilometer zum Bundeswehrkrankenhaus. Drei Minuten im Dienstwagen, die die Kanzlerin hoffentlich gefahren wurde zur gründlichen Untersuchung.

Der Person Angela Merkel wünsche ich beste Gesundheit, ihre Krankheiten gehen mich absolut nichts an. Anders ist das mit der Bundeskanzlerin. Offensichtliche Probleme beim Stehen, so groß, dass das Protokoll geändert wurde, jetzt also Staatsgäste mit der deutschen Regierungschefin sitzen, wenn  die Nationalhymne gespielt wird. Da reicht eine Regierungssprecherin nicht aus, die sich mit der Formulierung windet: Der Bundeskanzlerin geht es gut. Oder Angela Merkel selbst erklärt: Sie wisse um die Verantwortung des Amtes, achte auf ihre Gesundheit.

Mündige Bürger einer erwachsenen Demokratie wollen Klarheit. Es geht nicht um Voyeurismus, die Bestätigung wackliger Ferndiagnosen. Ja, nicht einmal das konkrete Krankheitsbild hat uns zu interessieren, wohl aber eine logische Erklärung und das Ergebnis des medizinischen Check-Ups, übermittelt von einer unabhängigen dritten Seite: Jawohl, Angela Merkel ist uneingeschränkt einsatzbereit. Oder eben eingeschränkt, aber fit für ihr Amt.

Unzählige politische Affären und Skandale sind erst zu medialen Topthemen inklusive Rücktritten geworden, weil eigentlich politisch beherrschbare Anlässe ignoriert, geleugnet, nicht eingestanden, relativiert wurden. Noch dazu ist das mediale Umfeld schneller, härter, unerbittlicher geworden. Wie gesagt: Nicht die Krankenakte Merkel muss auf den Tisch, sondern das Okay ihres Arztes. Darauf sollten wir Bürger bestehen, als gute, zu recht besorgte Arbeitgeber unserer Regierung.


Alle bitte mal runter vom Baum, findet Sabine Henkel:

Lassen wir doch die Kirche im Dorf und Merkel auf dem Stuhl. Ja, die Kanzlerin zeigt eine Schwäche: Sie zittert gelegentlich. Und weil ihr das jetzt dreimal beim öffentlichen Stillstehen passiert ist, hat sie diesmal einen Stuhl bemüht – und das während der militärischen Ehren. Premiere! Nationalhymne im Sitzen, das gab es noch nie. Und jetzt steht die Republik Kopf?

Merkel kann noch so oft sagen, dass es ihr gut geht, dass sie sich als Kanzlerin ihrer Verantwortung bewusst ist und als Mensch ein Interesse daran hat, gesund zu sein: Trolle, Zweifler und Voyeure sind in Hochform. Lippenleser machen sich an die Arbeit. Sie alle wollen mehr wissen, am liebsten ein medizinisches Bulletin abonnieren.

Alle bitte mal runter vom Baum, Temperatur kühlen und Puls senken. Auch eine Kanzlerin hat ein Recht auf Privatheit. Das gilt, solange sie zwar zittert, aber arbeitsfähig ist. Und das ist sie offensichtlich: Merkel führt ihre Amtsgeschäfte wie eh und je. Unermüdlich, mit wenig Schlaf und unter größten Strapazen. Das gehört zur Jobbeschreibung genauso dazu wie das unter ständiger Beobachtung stehen.

Zittert sie wieder? Alle Augen auf sie. So viele Zaungäste gab es bei militärischen Ehren in Berlin selten. Doch Merkel ganz Merkel hat beschlossen, das Problem einfach auszusitzen. Diese Disziplin beherrscht sie ja seit Amtsantritt ausgesprochen souverän.

Ihre Beobachter und all jene, die nur darauf warten, dass sie vom Stuhl fällt, hat sie damit sicher nicht überzeugt. Aber diejenigen sollten mal über Merkels Erklärung nachdenken, die da sinngemäß lautet, dass sie zittert, weil sie Angst davor hat zu zittern. Das zuzugeben zeigt Größe in einer Schwächephase. Und wie gesagt: Solange es dabei bleibt: Abregen!

Zuletzt aktualisiert: 17.07.2019, 10:30:39