Kurz vor der Europawahl hat ein Gericht den Wahl-O-Maten gestoppt. Hier steht eine Frau steht vor einer analogen Version. Foto: imago/Martin Müller

Pro & Contra: Ist der Wahl-O-Mat in der aktuellen Form problematisch?

Gepostet am 21.05.2019 um 12:07 Uhr

So wie er grade funktioniert, hilft der Wahl-O-Mat nur den großen Parteien. Er sollte gerechter werden, meint Marcel Heberlein. Christoph Prössl sieht das anders und empfindet das Gerichtsurteil als überkorrekt.

Marcel Heberlein findet: JA – denn so hilft der Wahl-O-Mat den Platzhirschen

Gleiches Recht für alle! Nur acht von 41 Parteien bei der Europawahl kann ich bei der Endauswertung im Wahl-O-Mat anklicken – acht – die Zahl ist total willkürlich festgelegt. Das hilft den Platzhirschen und macht kleinen Parteien das Leben schwer, denn vielleicht stimme ich mit denen ja viel mehr überein.

Aber wie läuft das denn bisher? Zuerst klicke ich die Großen an – Union, SPD und so weiter. Und dann hab ich nur noch Platz für zwei kleine. Die meisten nehme ich gar nicht wahr. Ja, einige kleine Parteien find‘ ich eh obskur und würde sie nie wählen. Aber viele kenne ich einfach nicht. Das sollte der Wahl-O-Mat doch ändern, nicht noch unterstützen!

Weil der Wahl-O-Mat so wichtig ist, muss er gerechter werden

Sicher – theoretisch kann ich die Fragen auch mehrmals spielen – dann hab ich irgendwann auch alle Parteien durch. Aber das muss doch leichter gehen! Und technisch muss das doch machbar sein, dass alle Übereinstimmungsbalken angezeigt werden, nicht nur acht. Klar, das wird dann im Ergebnis weniger übersichtlich. Aber ich schaue mir doch eh nur die Parteien genauer an, die auf der Endabrechnung ganz oben auftauchen, deren Meinungen ich also am meisten teile.

Deshalb: Fast 16 Millionen Mal wurde der Wahl-O-Mat bei der letzten Bundestagswahl benutzt. Das ist super. Aber eben weil der Wahl-O-Mat so wichtig ist, muss er gerechter werden.

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Christoph Prössl meint: Nein – Der Wahl-O-Mat ist schon verbrauchernah und übersichtlich

Welche Partei passt zu meinen Positionen? Millionen Mal haben Wählerinnen und Wähler den Wahl-O-Mat benutzt, um das heraus zu finden. Eine wirkliche Erfolgsgeschichte für die Demokratie. Dass ein Gericht die Plattform stoppt, weil eine kleine Partei sich benachteiligt fühlt, ist absurd.

Der User konnte beim Wahl-O-Mat bislang seine Zustimmung oder Ablehnung zu zahlreichen Thesen eingeben. Danach musste er eine Auswahl treffen. Acht Parteien. Wohlgemerkt: darf jeder frei bestimmen. Danach zeigte der Wahl-O-Mat die Übereinstimmung an. Wer wollte, konnte die acht Parteien natürlich dann auch verändern und nochmal ganz andere Parteien auswählen.

Das Gerichtsurteil wirkt überkorrekt, regulierend

Das ist verbrauchernah, praktisch, übersichtlich. Müssen künftig alle 41 Parteien angezeigt werden? Oder bekomme ich nur die Ergebnisse der Parteien, mit deren Positionen ich am ehesten übereinstimme? Möglicherweise also zehn kleinere Parteien, bevor SPD, CDU oder AfD erscheinen? Dann verliert die Plattform an Relevanz.

Der Wahl-O-Mat ist ein Angebot der politischen Bildung. Wählerinnen und Wähler sehen Wahlwerbung, Plakate, hören Nachrichten, verfolgen Debatten. Und vor allem: sie sind mündig. Das Gerichtsurteil wirkt auf mich überkorrekt, regulierend.

Paradoxerweise wird die Europäische Union immer wieder mit Vorwürfen überzogen, politische Korrektheit auf die Spitze zu treiben. Kläger und Richter haben der EU einen Bären-Dienst erwiesen.

Zuletzt aktualisiert: 24.06.2019, 11:18:12