Der Instinkt-Politiker

Gepostet am 08.03.2018 um 14:45 Uhr

Sigmar Gabriel galt nicht nur in der SPD als Ausnahmetalent: Kraftvoll, visionär, aber auch unberechenbar. Er wird auch als einfacher Abgeordneter ein Quertreiber bleiben. Ein Porträt von Angela Ulrich.

Sigmar Gabriel galt nicht nur in der SPD als Ausnahmetalent: Kraftvoll, visionär, aber auch unberechenbar. Er wird auch als einfacher Abgeordneter ein Quertreiber bleiben.

Von Angela Ulrich, RBB

Es war dieses eine Zitat. Diese fatalen, fiesen zwei Sätze, die Sigmar Gabriel auch noch seiner Tochter in den Mund gelegt hat. Als er sich selbst verletzt und von der SPD-Spitze ausgebootet fühlte.

 “Meine kleine Tochter Marie hat mir heute früh gesagt: ‘Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht’.”

Damals, im Februar, schien Konkurrent Martin Schulz nach dem Außenamt zu greifen und Gabriel zu verdrängen. Ohne diesen Satz wären Andrea Nahles und Olaf Scholz vielleicht aber doch nicht am beliebtesten SPD-Politiker vorbeigekommen.

Sigmar Gabriel spricht in einem Flugzeug

Gabriel entschuldigt sich bei Schulz

Bei seiner Abrechnung mit der SPD blieb vor allem der Seitenhieb von Außenminister Gabriel gegen Ex-Parteichef Schulz hängen. Nun entschuldigte sich Gabriel für die Äußerung “Mann mit den Haaren im Gesicht”. 14.02.2018 | mehr

“Mit dem Arsch einreißen”, was er sich aufgebaut hat

So aber, mit diesem Tiefschlag, schoss sich Gabriel selbst ins Aus. Frei nach der Devise, die er eh kontinuierlich praktiziert hat, selbst in glücklicheren Tagen als SPD-Chef, sagt Parlamentskorrespondent Ulrich Schulte von der Tageszeitung “taz”:

Der ist auch ein unglaubliches Talent, ist voller Saft und Kraft. Er hätte gern weitergemacht, neigt aber dazu, das mit dem Arsch immer wieder einzureißen, was er aufgebaut hat.”

Als Außenminister beliebt wie nie zuvor

Bis zuletzt hat Gabriel ums Außenamt gekämpft. Als er direkt gefragt wurde, ob sein Engagement für den bis Mitte Februar in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel seine Chancen auf den Job erhöht, lachte er das zwar weg: “Diese Frage habe ich mir ehrlich gesagt nicht gestellt.” Dem Standing des SPD-Schwergewichts schadete sein Verhandlungsgeschick in der Türkei sicher nicht.

So beliebt wie als Außenminister war Gabriel nie. Obwohl er schon damals, 2009 beim Parteitag in Dresden, als er zum SPD-Chef gewählt wurde, Euphorie entfachen konnte: “Wir müssen raus ins Leben, da wo es laut ist, da wo es brodelt, da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Nur da, wo es anstrengend ist, da ist das Leben”, rief er den Genossen zu.

Mut zum Wagnis

Gabriel, der Instinkt-Politiker, der immer wieder klar machte, dass seine Bindung an die SPD mehr ist als eine einfache Parteizugehörigkeit. Dass sie seine Jugend geprägt hat. Gabriel steigt auf in der Landespolitik in Niedersachsen, wird 1999 Ministerpräsident, verliert 2003 die Landtagswahl krachend gegen Christian Wulff. Kurz wird er Pop-Beauftragter der SPD, dann ihr Vorsitzender.

“Zur Politik gehört auch Mut, etwas zu wagen. Dann übrigens macht Politik auch wieder Spaß, gerade in der SPD.”

Gabriel wird Umweltminister, fährt mit der Kanzlerin im leuchtend roten Anorak nach Grönland zu schmelzenden Gletschern. Als Wirtschaftsminister macht er erst viel Tempo bei der Energiewende. Am Ende knickt er ein vor der Kohlelobby. Im Außenamt kann Gabriel jenseits innenpolitischer Querelen glänzen.

Sigmar Gabriel (SPD), Außenminister, nimmt am 7.2.2018 an der Sitzung im Fraktionssaal im Bundestag teil.

Kommentar

Gabriel ist an sich selbst gescheitert

Als Außenminister wurde Gabriel zum populärsten Politiker Deutschlands – und nutzte dies immer rücksichtsloser für Machtkämpfe in der SPD. Um sich im Kabinett zu halten, hätte er sich einordnen müssen, meint Arnd Henze. | mehr

Gabriel eckt mit Sprunghaftigkeit an

Für viele Genossen war es parteiintern aber häufig kein Spaß mit Gabriel. Andrea Nahles als Generalsekretärin, Olaf Scholz als Parteivize, sie alle sind mit dem Vorsitzenden immer wieder zusammengerasselt, weiß “taz”-Korrespondent Schulte: “Sigmar Gabriel ist ja so, der hat in der einen Woche die Idee, in der nächsten die Idee, und das widerspricht sich nicht selten diametral.” Scholz regte sich fürchterlich über Gabriels Sprunghaftigkeit auf.

Unzuverlässig? Unvorhersehbar? Sicher kein Teamplayer, aber eben häufig visionär, meint Schulte über Gabriel: “Er hat zum Beispiel die SPD sehr schlau 2013 in die Große Koalition gelotst.”

Gabriel habe Themen früher erkannt als andere – etwa die erforderliche Neujustierung in der Flüchtlingspolitik, die ihm viele erst ankreiden wollten. “Damals wurde er noch verprügelt, da hieß es: Er spielt jetzt Flüchtlinge gegen Deutsche aus. Aber das war meiner Meinung nach ein richtiger Ansatz, den die neue Große Koalition ja auch längst akzeptiert,” sagt Schulte dazu.

Das “Störfeuer” schwelt weiter

Als Kanzler zu kandidieren, hat sich Gabriel nie getraut. Da hat er anderen den Vortritt gelassen: Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Martin Schulz. Aus Einsicht oder Feigheit? In seiner Abschiedsbotschaft spricht Gabriel von der Ehre, so lange führend in der SPD aktiv gewesen zu sein. Weit mehr sei das gewesen, als er als junger Mensch zu träumen gewagt hätte. Damit bleibt Gabriel sich treu: Er überlässt die Regie niemand anderem. Die letzten Worte will er selber finden.

Obwohl – letzte Worte? Schulte von der “taz” sieht die beim Abgeordneten Gabriel noch lange nicht gesprochen. Gabriel könnte in die Wirtschaft wechseln, wie SPD-Vorsitzende vor ihm. Außerdem, glaubt Schulte, dass Gabriel auch als Bundestagsabgeordneter nicht lange still sein würde: “Ich würde mich als Andrea Nahles nicht darauf verlassen, dass von Sigmar Gabriel keine Querschüsse mehr kommen. Das wird weiter so sein, dass der sich einmischt. Mit diesem Störfeuer werden Nahles und Scholz umgehen müssen.”

Zuletzt aktualisiert: 11.12.2018, 21:05:29