Leisetreter, plötzlich lautstark

Gepostet am 28.11.2017 um 13:42 Uhr

Den Bundeslandwirtschaftsminister kennen die wenigsten. Christian Schmidt fällt dadurch auf, dass er nicht auffällt. Jetzt aber ließ er die Betriebstemperatur für eine neuerliche GroKo auf Eiskellerniveau sinken. Wer ist dieser Mann? Von Angela Ulrich.

Den Bundeslandwirtschaftsminister kennen die wenigsten. Christian Schmidt fällt dadurch auf, dass er nicht auffällt. Jetzt aber ließ er die Betriebstemperatur für eine neuerliche GroKo auf Eiskellerniveau sinken. Wer ist dieser Mann?

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Bei seinem berühmtesten Auftritt stehen zwei Obst- und Gemüsekörbe vor dem Rednerpult im Bundeslandwirtschaftsministerium: knackige Karotten, Sellerie, Salat, rotbackige Äpfel.

Christian Schmidts Wangen leuchten ähnlich frisch, als er sich einen Apfel schnappt und genüsslich hineinbeißt: “An apple a day keeps Putin away.” “Leute, esst Äpfel, das hilft unseren Landwirten gegen den russischen Importstopp von deutschem Obst!” – diese schlichte Botschaft versucht Christian Schmidt volksnah zu illustrieren. Und holt sich lang anhaltende Lacher ab.

Dabei ist der CSU-Mann eigentlich einer, der eher Distanz sucht. Sich essend und trinkend durch die Landwirtschaftsmesse “Grüne Woche” in Berlin zu pflügen, ist Schmidt ein alljährlicher Graus. Über eine Grundvoraussetzung für den Agrarjob verfügt er: Kühe kalben zu sehen, das könne er aushalten.

Sein Lieblingsjob war woanders

Doch mit Leib und Seele füllte Schmidt seinen vorigen Job aus. Acht Jahre lang war er Staatssekretär im Verteidigungsministerium: ein Stratege, ein Diplomat, einer, der sich auf der außenpolitischen Bühne zu Hause fühlt. Wobei: “Der Schmidt ist der Schmidt, und der kann nicht nur Verteidigung, der kann nicht nur Panzer, der kann auch Mähdrescher”, sagt er über sich.

Flotte Sprüche, bei denen er gern in der dritten Person über sich selbst spricht, kommen Schmidt leicht über die Lippen. Nach seinem Alleingang pro Glyphosat erklärte er lapidar: “So isser der Schmidt, er entscheidet an Sache und an nichts anderem.”

Erbitterte Kämpfe mit Hendricks

Mit Umweltministerin Barbara Hendricks lieferte sich Schmidt in den vergangenen vier Jahren erbitterte Kämpfe: um Klimaziele, bei denen die Landwirtschaft nach Meinung der SPD-Frau nicht liefert. Um Düngegesetz, Tierwohl und Baurichtlinien für Ställe.

Es ging auch um Kinkerlitzchen, wie eine witzig gemeinte Bauernregel-Kampagne gegen Massentierhaltung von Hendricks. Reime wie “Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein” kamen beim Landwirtschaftsminister nicht gut an. Es sei ärgerlich, sagte Schmidt, dass die Bauern insgesamt diffamiert würden. “Das geht doch nicht. Ich kann doch nicht eine Berufsgruppe bei uns, die wichtig ist, der Lächerlichkeit preisgeben.”

Ein Bauer besprüht mit Unkrautvernichtungsmittel sein Feld.

Kommentar

Überraschend, vernünftig, überfällig

Die Entscheidung war überraschend, vernünftig und überfällig, meint Holger Romann. | mehr

Paukenschlag zum Schluss

Jetzt, am Ende seiner Amtszeit, hat Schmidt noch mal gewaltig auf die Pauke gehauen. Sein “Ja” zum Unkrautgift Glyphosat in Brüssel hat die mitregierende SPD auf die Palme gebracht. Wer Vertrauen zwischen Gesprächspartnern befördern wolle, dürfe sich so nicht verhalten, sagt Hendricks.

Das ficht Christian Schmidt, den eigentlich so Leisen, nicht an. Er habe eine Entscheidung für sich getroffen und in seiner Ressortverantwortung. “Das sind Dinge, die man auf die eigene Kappe nehmen muss, dazu ist man da”, sagte er. Und: “Politiker, die nie entscheiden, ecken auch nie an. Das sind aber auch nicht die, die das Land voranbringen.”

Er habe Schlimmeres verhindert, sagt Schmidt. Eine mögliche Neuauflage der Großen Koalition hat der Agrarminister damit jedoch erst mal zurückgeworfen.

Dieser Beitrag lief am 28. November 2017 um 13:05 Uhr auf Inforadio.

Zuletzt aktualisiert: 11.12.2017, 06:55:44