Gegen Populismus hilft auch: Erklären einer irre komplexen Welt. Quelle: imago / Emmanuele Contini

Populismuswerte als Frühwarnsystem

Gepostet am 25.07.2017 um 17:27 Uhr

Eine neue Studie zeigt: „Nur“ ein Drittel der Wahlberechtigten stimmt populistischen Aussagen zu, denkt elite- und demokratiefeindlich. Frank Aischmann findet das alarmierend. Ein Kommentar.

Die folgenden 3 Aussagen stammen aus dem offiziellen Umfragekatalog der Bertelsmann-Studie, wenn Sie 3 mal beherzt zustimmen, sind die Chancen gut, dass Sie populistisch eingestellt sind.
Also:

-Die Parteien wollen nur die Stimmen der Wähler, ihre Ansichten interessieren sie nicht.
-Mir wäre es lieber, von einem einfachen Bürger politisch vertreten zu werden als von einem Politiker.
-Was man in der Politik „Kompromiss“ nennt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Verrat der eigenen Prinzipien.

Trump wäre bei uns unmöglich
Jeder 3. Wahlberechtigte hat diesen drei und ähnlichen, jeweils kräftig vereinfachenden Aussagen zugestimmt – übrigens im politischen Spektrum von links bis rechts. Und was ist die Schlussfolgerung der Studienautoren, die es heute bis in die Nachrichten schaffte? Populistische Einstellungen sind bei uns nicht mehrheitsfähig. Auf den ersten Blick klar, 2/3 der Wählerschaft können mit Populismus wenig oder nichts anfangen. Einen Zusatzpunkt gibt es für Deutschland durch diese weitere Erkenntnis: Selbst wer populistisch tickt, tut dies eher entspannt – also moderat, will keinen Umsturz, nichts Rabiates, keinen EU-Austritt, sondern ist eher enttäuscht vom konkreten Zustand unserer Demokratie.

Trump wäre bei uns unmöglich, ach ja, und weil Populismus-Fans eher nicht zur Wahl gehen, wird ihr Einfluss auf die Bundestagswahl ohnehin überschaubar bleiben. Also alles gut soweit im Bundestagswahljahr.

Die Konjunktur macht die Musik
Und genau das ist falsch, finde ich, die Studienergebnisse sollten uns alarmieren. Wenn ein Drittel von uns ganz (und übrigens ein weiteres Drittel zumindest teilweise) eliten- und demokratiefeindlich tickt, dann ist das beunruhigend.

Das nahliegende Gegenargument heisst: Die deutschen Ergebnisse sind doch richtig harmlos im Vergleich zu den erfolgreicher voranmarschierenden Populisten in den USA, in Polen, in Ungarn oder in der Türkei. Nur: Deutschland steht seit Jahren wirtschaftlich bestens da, mit Steuerüberschüssen, mit zur Zeit übersichtlichen Flüchtlingszahlen.

Wie aber würde sich der Ton der gesellschaftlichen Debatte ändern Richtung Populismus, wenn z.B. die Konjunktur richtig böse einbricht, mit nachfolgenden sozialen Auswirkungen (und irgendwann wird ein solcher Einbruch kommen)? Schliesslich gilt für Populismus eine soziale Spaltung, so die Studie, nach der Faustregel: Je geringer formale Bildung und Einkommen, desto verbreiteter populistische Einstellungen.

Populismuswerte als Frühwarnsystem
Es gab bereits einen Vorgeschmack – auch der hat es in die Studie geschafft: Die Merkelsche Flüchtlingspolitik nach 2015 und das nachfolgende massive Erstarken der rechtspopulistischen AfD. zwar nur mit einem – aber eben einem für viele sehr entscheidenden, angstbesetzten Thema.
Nehmt die Populismus-Werte als Frühwarnsystem, empfiehlt die Studie Politik und Gesellschaft, und richtig: Gegen Demokratie- und Elitenfeindlichkeit helfen Bürgernähe – wohlgemerkt nicht Anbiederung der Politik, eine lebendige Demokratie, Transparenz, das Ernstnehmen von Ängsten und Kritik – und natürlich auch viel Erklären in einer irre komplexen Welt.

Jeder Politiker, der sich heute mit der Studien-Entwarnung zurücklehnt wegen eines noch überschaubaren Populismus im Bundestagswahljahr 2017, sollte daran denken, dass spätestens in vier Jahren die nächste Abstimmung folgt. Für oder gegen die etablierte Politik.

Zuletzt aktualisiert: 23.10.2017, 09:51:45