Parteien und ihre Newsrooms

Gepostet am 14.03.2019 um 17:57 Uhr

Der Trend bei Parteien geht zum eigenen Newsroom. Ist das legitim oder letztlich nur Augenwischerei? Horst Kläuser und Frank Aischmann vertreten da unterschiedliche Ansichten. Ein Pro und Contra:

Partei-Pressestellen können heißen, wie sie wollen, findet Horst Kläuser:

Für mich ist Newsroom nur ein modisches, überflüssiges Wort, abgeguckt bei den Amerikanern und Engländern. Er wurde als umstrittener Ersatz für Redaktionen bei vielen Zeitungen und Radio- oder Fernsehsendern eingeführt. Aber erstmal ist es nur ein Wort.

Und wenn es jetzt Parteien verwenden – geschenkt. Pressestelle wäre zwar ehrlicher, ist aber langweilig. Es ist das gute Recht von Parteien und Ministerien ihre Botschaften unters Volk zu bringen. Bunte Broschüren, ellenlange Erklärungen auf Papier – wer liest das bloß? Nun gehöre ich nicht gerade zur klassischen YouTube- und Instagram-Generation, aber ich finde es großartig, wenn neue Wege der politischen Kommunikation von allen, also auch von Politikern selbst, genutzt werden.

Bundespräsident Steinmeier hat einen Facebook-Account – großartig. Die Bundeskanzlerin macht ein Podcast – hervorragend, aber leider handwerklich doof gemacht. Außenminister Maas twittert – gut so. Ich kann doch nicht die vorgebliche politische Müdigkeit und Abstinenz der jungen Generation beklagen, aber dann kritisieren, wenn deren geliebte Kommunikationskanäle auch von richtigen Politikern und Parteien genutzt werden.

Wir halten es für normal, wenn Politiker in Talkshows gehen, auch wenn deren Sinnhaftigkeit denkende Menschen bisweilen verzweifeln lässt. Aber immer noch besser als Sportpalastreden. Kommunikation ändert sich. Zum Glück!

Und wenn jetzt einige politisch tätige Menschen und Organisationen meinen, sie sollten ihre Verlautbarungen und inszenierten Botschaften per Tweet oder Instagram aus dem Newsroom verbreiten, sollen sie doch. Nur erkennbar muss es bleiben. Es ist nämlich PR. Echte, gute Journalisten machen was anderes. Die erkennt man daran, dass sie Dinge aus vielen Perspektiven betrachten, Zweifel äußern, Fragen stellen und einordnen. Und solange es die gibt, können die Pressestellen von mir aus heißen, wie sie wollen. Auch Newsroom.

Der Newsroom gehört weiterhin in die Redatkion, sagt Frank Aischmann:

Ist doch toll – und demokratiefördernd, wenn sich Politiker, Ministerien oder Parteizentralen öffnen, auf möglichst vielen Kanälen ganz direkt – wenn es geht in Echtzeit – so viele Interessierte wie möglich informieren. Und ganz ehrlich: Presse-Mitteilung, das klingt schon nach vorgestern, nach langweiliger Bleiwüste. Und schlimmer noch: es klingt danach, zack unter dem Teppich zu landen, trotz der empfundenen Wichtigkeit ignoriert zu werden, erstmal liegenzubleiben. Oder aber kommentiert, eingeordnet, erweitert – jedenfalls deutlich verändert zu werden.

Das macht Journalismus aus – und darum meine Kritik. Es ist dreist, wenn Politiker den von Journalisten erarbeiteten und mit Leben erfüllten Begriff Newsroom scheinbar unschuldig kidnappen – das Bundesverkehrsministerium spricht übrigens fein eingedeutscht vom Nachrichten-Zimmer.

Aber ein Partei-Newsroom ist kein journalistisches Produkt, sondern tut ganz planmäßig, zielgerichtet das, was bei uns Journalisten zu recht heftig kritisiert wird, wenn es in Ausnahmefällen passiert: eine Information ungefiltert weiterleiten, parteilich nur eine Seite darstellen – die eigene natürlich, kritische Gegenargumente unter den Tisch fallen lassen. Es geht einer Pressestelle ganz naturgemäß nicht um Objektivität und journalistischen Anspruch, sondern die Auslieferung der eigenen Sichtweise.

Je näher sich das in der Aufmachung tatsächlichen journalistischen Produkten nähert, kurz gesagt – versucht, ununterscheidbar zu werden – desto bedrohlicher für die Demokratie. Denn die Steuergelder, Parteibeiträge oder Spenden erhalten politische Akteure nicht dafür, parallele pseudojournalitsische Produkte zu kreieren – und die echten Journalisten überflüssig zu machen.

Kurz gesagt: Der Newsroom gehört auch weiterhin in die Redaktion, nicht in die Parteizentrale.

Zuletzt aktualisiert: 24.05.2019, 23:42:36