Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Landtagskandidatin Klara Geywitz, beide SPD, wollen sich als Paar für den SPD-Vorstand bewerben. Foto: imago/Martin Müller

Paarungszeit bei der SPD

Gepostet am 22.08.2019 um 13:02 Uhr

Die SPD sucht eine neue Spitze, nein ein Spitzen-Paar. Der Druck ist groß: Wer passt zu wem? Und wer macht am Ende das Rennen? Powerpärchen, Protestpaar oder Platzhirsch? Eine Glosse von Sabine Müller.

Es gibt Paarungsdruck, der folgt allein den Naturgesetzen und klingt wie ein brünftiger Hirsch. Und es gibt Paarungsdruck, der folgt aus Sätzen wie diesem von Malu Dreyer, der Interims-Vorsitzenden:

„Die SPD braucht Kraft, sie braucht sehr viel Kraft. Dazu muss es eben auch möglich sein, dass sich zwei die große Aufgabe teilen.“

Und dieser Paarungsdruck klingt dann so:

„Auch für mich muss es ein Team sein, das zu 100 Prozent passt, und wo ich sage: Das ist eine Person, mit der ich künftig auch die Partei gut führen kann. Darüber habe ich Gespräche geführt und musste feststellen, dass es diese Konstellation nicht geben kann.“

Der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil wurde sozusagen Opfer der natürlichen Auslese: Denn ohne passende Frau braucht sich wohl kein Mann um den SPD-Parteivorsitz zu bewerben.

Um das klarzustellen: Es gibt bei der SPD keinen offiziellen Paarungszwang. Aber aus dem „möglich sein“, wie Interims-Parteichefin Malu Dreyer oben erklärte, ist gefühlt längst ein „nötig sein“ geworden. Wer allein antritt, wirkt gleich irgendwie unmodern und aus der Zeit gefallen. Selbst wenn er nicht schon 79 ist wie der Ex-Bundestagsabgeordnete Hans Wallow, sondern erst 39 wie der Start-Up-Unternehmer Robert Maier. Paarung ist also angesagt und die Auswahl ist groß:

Das „Trau Dich“-Pärchen – Christina Kampmann und Michael Roth

„Wir möchten nicht noch zögern, wir mögen nicht noch zaudern“, meint die frühere NRW-Familienministerin Christina Kampann. Sie und der Europa-Staatsminister waren gleich Anfang Juli die ersten, die sich jung und fröhlich aus der Deckung trauten. Vielleicht zu früh?

Das „Ungleiches Paar“-Pärchen – Nina Scheer und Karl Lauterbach

Dass diese beiden Bundestagsabgeordneten zusammen antreten, hatte wohl niemand auf dem Schirm. Der extrovertierte Mann mit der Fliege und die eher leise Umwelt-Frau haben aber eine klare gemeinsame Botschaft: „Wir sind der Meinung, die SPD soll die Große Koalition verlassen“, sagt Karl Lauterbach.

Das „Protest“-Pärchen – Simone Lange und Alexander Ahrens

Die Flensburger Oberbürgermeisterin ärgerte die SPD-Spitze schon einmal kräftig, als sie gegen Andrea Nahles antrat und ein sehr respektables Ergebnis holte. Sie und der Oberbürgermeister von Bautzen sind die Kandidaten für alle, die dem sozialdemokratischen Establishment so richtig eins auswischen wollen.

Das „Waldorf und Statler“-Pärchen – Gesine Schwan und Ralf Stegner:

Keiner hat mehr Unterhaltungswert als die Grand Dame mit der Bienenstock-Frisur und der zu Unrecht als Miesepeter verschriene Parteivize. Dabei aber gleichzeitig viel inhaltlichen Tiefgang mit klarer linker Ausrichtung. Bei der Vorstellung ihrer Bewerbung hatten die beiden sehr viel Spaß miteinander und das Publikum an ihnen.

Das „Superlinke plus Gewerkschafter“-Pärchen – Hilde Mattheis und Dierk Hirschel

Die baden-württembergische Bundestagsabgeordnete und der Chefökonom von Verdi fordern die Rückkehr einer Sozialdemokratie, die ihrem Namen alle Ehre macht. Für die Bewerbung gilt: Opfer bringen. Hirschel hat sich dafür sogar erstmals bei Twitter angemeldet.

Das „Power“-Pärchen – Petra Köpping und Boris Pistorius

Die sächsische Integrationsministerin und der niedersächsische Innenminister waren die ersten, deren Bewerbung so richtig ernst genommen wurde. Klare Kante beim Thema innere Sicherheit trifft herzenswarme Kümmerin aus dem Osten. Die beiden dürften harte Konkurrenz sein für das bisher letzte Duo, das sich gemeldet hat.

Das „Platzhirsch ohne Salatblatt“-Pärchen – Klara Geywitz und Olaf Scholz

Erste Bewerberpflicht für die bundespolitisch weitgehend unbekannte Landtagsabgeordnete aus Brandenburg und den Finanzminister: Den sich aufdrängenden Eindruck zerstreuen, sie sei nur
„das dekorative Salatblatt an seiner Seite.“ Ob die Chemie zwischen diesen beiden wirklich stimmt, muss sich aber erst noch zeigen.

Die Pärchen-Revue ist gut bestückt und die Paarungszeit der SPD neigt sich dem Ende zu, am 1. September läuft die Bewerbungsfrist ab. Ein entscheidender Unterschied übrigens zur Paarungszeit der Hirsche – die geht Anfang September erst richtig los.

Zuletzt aktualisiert: 20.09.2019, 01:05:02