Eine Art kleiner Kanzler

Gepostet am 26.03.2020 um 05:00 Uhr

Scholz war als Bundesfinanzminister schon fast weg vom Fenster, verpasste den SPD-Vorsitz. Jetzt in der Corona-Krise ist nicht nur die Kanzlerin glücklich, dass sie ihn an ihrer Seite hat. Von Angela Ulrich.

Scholz war als Bundesfinanzminister schon fast weg vom Fenster, verpasste den SPD-Vorsitz. Jetzt in der Corona-Krise ist nicht nur die Kanzlerin glücklich, dass sie ihn an ihrer Seite hat.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Olaf Scholz ist verschnupft. Nicht Corona, der Vizekanzler ist auf das Virus getestet worden – negativ. Aber am Ende dieses langen Tages, als er ein Milliarden-Hilfspaket für die Wirtschaft durch den Bundestag gebracht hat, sitzt die Krawatte im Fernsehstudio schief.

Scholz bringt das auch nicht mehr aus der Ruhe. Eher die Frage danach: Wie man denn einen Ausgleich finden könne zwischen dem Schutz der Gesundheit und der Frage, wie lange die Wirtschaft diesen Shutdown aushalte?

„Ich kann ihre Alternative nicht ganz akzeptieren, wenn Sie das gestatten“, wiegelt er ab. „Das allerwichtigste ist die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger. Aber gleichzeitig geht es doch auch darum, dass die Wirtschaft durch diese Situation kommen kann, deshalb haben wir diese schweren Programme auf den Weg gebracht.“

Appell zur Solidarität

Zuvor im Bundestag hatte Scholz noch appelliert – und sich dabei etwas am Rednerpult festgehalten: „Vor uns liegen harte Wochen. Wir können sie bewältigen, wenn wir solidarisch sind. Wir alle müssen uns umeinander kümmern. Dann kommen wir da durch.“

Er hätte mehr Druck in die Stimme legen können, eindringlicher sprechen, so wie das die Redner nach ihm taten. „Er bleibt sich halt treu“, sagte einer aus Scholz‘ Umfeld – und ergänzt, dass das nicht immer nur gut sei.

Scholz immer wieder kritisiert

Gregor Gysi, Ex-Fraktionschef der Linken und selbst eine notorische Quasselstrippe, muss grinsen: „Es gibt Leute, die quatschen viel, andere, die reden wenig, das wird ihnen vorgeworfen“, sagt er. „Plötzlich kann es sehr sinnvoll sein, wenig zu reden.“

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Zumindest, wenn man damit trotzdem Macher sein kann, lange gespart hat mit Schwarzer Null, dafür Kritik geerntet hat – aber jetzt ausgeben kann und zur rechten Zeit die Hilfsmilliarden verteilt für große und kleine Firmen und Selbständige, die unter den Corona-Folgen ächzen:

„Bazooka… Deshalb wird hier nicht gekleckert, es wird geklotzt!“

„Scholz muss über seinen Schatten springen“

Gregor Gysi hat Scholz früher immer für dessen Sparsamkeit kritisiert. Jetzt aber sei der gezwungen, die Dinge anders zu machen, sagt Gysi:

„…und da muss er natürlich über seinen eigenen Schatten springen. Und das ist das, was dann immer erstaunt zur Kenntnis genommen wird, dass Leute das können.“

Scholz war politisch schon fast weg vom Fenster. Die ultimative Niederlage kam im vergangenen November: Im SPD-Vorsitzrennen, als das Duo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans dem Vizekanzler die Chefsessel der Sozialdemokratie wegschnappt. Eine Blamage.

Scholz überlegte, hinzuschmeißen

Über die Weihnachtstage soll Scholz überlegt haben, ob er hinschmeißt als Bundesfinanzminister – und hat es dann nicht getan. Jetzt ist nicht nur die Kanzlerin glücklich, dass sie einen an ihrer Seite hat, der Krise kennt, auf den sie sich verlassen kann, wie Sprecher Steffen Seibert klarmacht: „Die Bundeskanzlerin unterstützt die Worte des Vizekanzlers ausdrücklich!“

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Scholz war Arbeitsminister 2008, in der Banken- und Finanzkrise. Er hat das Kurzarbeitergeld erfunden. In guten Zeiten als Scholzomat bespöttelt, kommt gerade in schlechten Zeiten sein Talent zu klaren Entscheidungen durch. Seine Nervenstärke. Ziemlich stolz stemmt Scholz Anfang der Woche den dicken Blätterstapel in die Höhe, auf dem geschrieben steht, wie er das Wirtschaftsleben in Deutschland in der Corona-Krise retten will:

„Für alle, die es mal wissen wollen: das ist das Paket der Gesetze, die wir beschlossen haben!“

Trotzdem zahlt das Vertrauen in Olaf Scholz bisher nicht ein auf seine Partei. Die SPD gewinnt wenig, die Union viel in den Umfragen. Merkel bleibt Koch, Scholz der Kellner. Aber einer, der als eine Art „kleiner Kanzler“ doch Profil gewinnt in der Krise. Wenn die Kanzlerkandidatenfrage in der SPD aktuell wird, müssen sie mit Olaf Scholz rechnen.

Zuletzt aktualisiert: 31.10.2020, 08:30:31