Vor allem in frühkindliche Bildung muss investiert werden, meint Uwe Lueb. Foto: imago/Jochen Tack

Ohne gerechte Chancen, keine stabile Gesellschaft

Gepostet am 22.06.2018 um 17:54 Uhr

Warum sind wir nicht viel weiter in Sachen Chancengleichheit? Das Kooperationsverbot muss ganz weg und mehr in frühkindliche Bildung und Sprachförderung investiert werden, kommentiert Uwe Lueb den neuen Bildungsbericht.

Wie immer steht auch im neuen Bildungsbericht, dass es bei der Chancengerechtigkeit hapert. Nach wie vor gilt in Deutschland: Gebildetere Eltern ziehen gebildetere Kinder groß – und umgekehrt. Bildung ist gut für die persönliche Zukunft der Kinder. Dank guter Bildung haben sie größere Chancen auf anständig bezahlte Jobs.

Aber es geht längst um mehr – wenn nicht ums Ganze: Der Wirtschaft fehlen immer mehr gut ausgebildete Leute. Durch betriebliche Förderprogramme können sie nur selten nachholen, was woanders versäumt wurde. Auch gesellschaftlich geht es auf Dauer nicht gut, wenn nur ein Teil der Menschen diesen Staat trägt, sich an Wahlen beteiligt und sich vielleicht sogar engagiert – nämlich der gut ausgebildete Teil der Menschen im Land. Auch das zeigt der neue Bildungsbericht.


Sprachförderung ist der Schlüssel

Die Gesamtausgaben für Bildung und Forschung sind enorm. Doch von dieser Finanz-Kraft überträgt sich zu wenig auf die wichtigsten ersten Stellschrauben am Anfang jeder Bildungskarriere: die frühkindliche Bildung. Damit sind nicht Chinesisch-Kurse gemeint, die manche Helikopter-Eltern ihren Dreijährigen angedeihen lassen. Es muss auch kein Kind schon zwei Sprachen vor der Einschulung sprechen. Aber eine! Sprachförderung ist der Schlüssel.

Wenn Bildungsminister vollmundige Parolen ausgeben wie „kein Kind zurücklassen“, müssen sie hier ansetzen. Noch immer sind aber so genannte Sprach-Schwerpunkt-Kitas nicht die Regel. Noch immer kann jemand im Erzieherberuf kaum eine Familie ernähren. Noch immer fehlen Stellen und diejenigen, die sie ausfüllen. Noch immer sind an Grundschulen neben Lehrern zu wenige Erzieher und Psychologen im Einsatz. Die Liste ließe sich fortsetzen.


Klotzen statt kleckern

Auch wenn andererseits immer mehr junge Menschen Abitur machen und die duale Bildung boomt: Fast jeder Zehnte Neuntklässler kann nicht richtig lesen. Rund 6 Prozent der Jugendlichen schaffen überhaupt keinen Schulabschluss. Darunter sind viele mit Migrationshintergrund. Aber wer von Integration redet, muss auch das im Blick haben. Die Aufgaben für die Politik sind also klar. Klotzen statt kleckern. Nicht nur mit Geld – auch politisch.

Die Teilabschaffung des Kooperationsverbotes – also dass der Bund bei der Bildung den Ländern kaum reinreden darf – reicht nicht. Es muss ganz weg. In der Bildungspolitik werden zu lange schon die Missstände beschrieben. Unbestreitbar gibt es Erfolge – aber es sind noch zu wenige.

Zuletzt aktualisiert: 22.09.2018, 03:50:46