Brief eines Ermordeten

Gepostet am 26.01.2017 um 21:19 Uhr

Bei der Gedenkstunde für die NS-Opfer steht in diesem Jahr die Euthanasie im Mittelpunkt. Schauspieler Urbanski wird den Brief eines Ermordeten vorlesen. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Bundestags, dass ein geistig Behinderter ans Mikrofon tritt. Von Alex Krämer.

Bei der Gedenkstunde für die NS-Opfer steht in diesem Jahr die Euthanasie im Mittelpunkt. Schauspieler Urbanski wird den Brief eines Ermordeten vorlesen. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Bundestags, dass ein geistig Behinderter ans Mikrofon tritt.

Von Alex Krämer, ARD-Hauptstadtstudio

Als der Anruf aus dem Bundestag kam, ob er bereit sei, im Parlament aufzutreten, hat Sebastian Urbanski sich gefreut. Er war aber auch aufgeregt. Öffentliche Auftritte ist der 38-Jährige zwar gewöhnt – Urbanski arbeitet als Schauspieler im Berliner Theater Rambazamba, dessen Ensemble komplett aus Menschen mit Behinderung besteht -, aber im Parlament zu reden, das sei schon etwas anderes. “Das hätte ich mir nie erträumen lassen”, sagte Urbanski.

Der Brief, den Urbasnki vorlesen wird, wurde 1943 von Ernst Putzki verfasst. Er beschreibt die Zustände in der hessischen Landesheilanstalt Weilmünster, in die er wegen “Geisteskrankheit” eingewiesen worden war.

Das Bemerkenswerte an dem Text: Putzki durchschaute den Plan, der dahinter stand: die Ermordung derjenigen, die die Nationalsozialisten als “lebensunwert” einstuften:  

“Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. (…)  Die Menschen werden zu Tieren und essen alles was man eben von anderen kriegen kann. (…) Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist.”

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“Durch den Brief erlebe ich es mit”

Putzki überlebte nicht, er wurde 1945 ermordet. Was von ihm blieb, waren Briefe. “Als ich den Brief bekommen habe, hatte ich das Gefühl, dass ich das plötzlich mit seinen Augen sehe”, sagte Urbanski. “Ich kann zum Glück sagen, ich habe es nicht miterlebt. Aber durch diesen Brief erlebe ich es auf eine Art doch mit.”

Seit einer guten Woche beschäftigt Urbasnki sich mit dem Text, arbeitet an seinem Vortrag. Jetzt sei er so weit: “Ich schaffe das”, sagte er.

Im Bundestag wird Urbanski nur den Brief vorlesen. Aber er hätte schon noch eine Botschaft darüber hinaus für die Abgeordneten, sagte er: Es sei falsch, dass viele Kinder mit Behinderung heute gar nicht mehr auf die Welt kämen, weil sie vorher abgetrieben werden. Das sei zwar die Entscheidung der Eltern. Falsch bleibe es dennoch.  

NS-Opfer-Gedenkstunde: Erstmals redet Mensch mit geistiger Behinderung im Bundestag
A. Krämer, ARD Berlin
20:23:00 Uhr, 26.01.2017

Zuletzt aktualisiert: 23.08.2017, 19:22:50