Millionen für Notre-Dame – ist das gerecht?

Gepostet am 23.04.2019 um 13:15 Uhr

Nach der Brandkatastrophe von Notre-Dame wurde bereits mehr als eine Milliarde Euro gespendet. Davon können andere Abteien in Frankreich nur träumen. Dort verfallen die Gotteshäuser – ist das gerecht? Von Mathias Zahn.

Nach der Brandkatastrophe von Notre-Dame wurde bereits mehr als eine Milliarde Euro gespendet. Davon können andere Abteien in Frankreich nur träumen. Dort verfallen die Gotteshäuser – ist das gerecht?

Von Mathias Zahn, ARD-Studio Paris

Die Abtei Notre-Dame de Sénanque in der Provence hat schon bessere Tage erlebt. Das Dach ist nicht mehr dicht. Es droht Einsturzgefahr. Die Mönche haben zwar schon 200.000 Euro gesammelt. Eine halbe Million Euro fehlt aber noch, um die Abtei zu retten.

Für den Wiederaufbau von Notre-Dame kam hingegen innerhalb weniger Tage eine Milliarde zusammen. Auch französische Regionalverwaltungen und Städte stellen für Notre-Dame Millionen zur Verfügung.

Bruder Jean-Marie von der Abtei Notre-Dame de Sénanque wundert sich. Fühlt er sich vergessen? „Vergessen ist ein großes Wort. Aber vielleicht nicht genug wertgeschätzt“, sagt er. So wie ein Großteil der Denkmäler in Frankreich nicht genug wertgeschätzt werde. „Die Masse der kleinen Kirchen hat eben nicht so eine Anziehungskraft wie jetzt Notre-Dame.“

Blick auf die Pariser Kathedrale Notre-Dame und das Baugerüst.

Warum der Wiederaufbau so schwer ist

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Hunderte Kirchen marode

Auch auf der Straße schütteln einige Bürger mit dem Kopf, wenn sie daran denken, dass Regionalverwaltungen Millionen für Notre-Dame im fernen Paris spenden.

„Das ist schon schwer zu verstehen, wenn man aus einer Region kommt – dort seine Steuern zahlt“, sagt einer. „Dann wäre es schon schön, wenn dieses Geld investiert wird, um die Denkmäler hier vor Ort zu retten.“

Die Stiftung für religiöse Denkmäler schätzt, dass 500 Kirchen und Abteien in Frankreich akut in Gefahr sind, zum Beispiel weil es hineinregnet. 5000 weitere Gebäude gelten als bedroht. Um die Kathedralen kümmert sich die französische Zentralregierung. Für die kleineren Kirchen sind die Gemeinden zuständig. Nur wenn die Kirchen als Kulturerbe eingestuft sind, können die Regionen oder die Zentralregierung Geld zuschießen.

Auch die Region Auvergne-Rhône-Alpes hat Geld für Notre-Dame zur Verfügung gestellt: zwei Millionen Euro. Kritik daran weist Catherine Pacoret zurück. Sie ist in der Regionalverwaltung zuständig für den Denkmalschutz. „Die zwei Millionen werden nicht fehlen, um Denkmäler in der Region zu restaurieren“, sagt sie. „Sie gehen nicht zulasten des Budgets für Denkmalschutz – sondern stammen aus einem anderen Etat.“

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Experten fordern Notfallplan

Die Diskussion hat inzwischen auch Präsident Emmanuel Macron erreicht. Zahlreiche Kulturerbe-Experten haben einen offenen Brief an Macron geschrieben. Darin fordern sie einen Notfallplan.

Seit Jahrzehnten ziehe sich der Staat politisch und finanziell aus dem Kulturerbe zurück: Kirchen, historische Brücken, alte Brunnen oder auch Industriedenkmäler. Nur die schlimmsten Notfälle könnten mit dem vorhandenen Geld repariert werden.

Damit rennen die Experten bei Stéphane Bern offene Türen ein. Der Regierungsbeauftragte für Denkmalschutz hat einen Jahresetat von gut 300 Millionen Euro. Er veranstaltete zum Beispiel ein Lotto-Gewinnspiel, um 20 Millionen Euro einzusammeln. Im Interview mit dem Radiosender France Info redet sich Bern in Rage: „Hat es wirklich Notre-Dame gebraucht, um darauf aufmerksam zu werden, wie zerbrechlich unser Kulturerbe ist?“

Ungeachtet der Diskussion sind die Spenden für Notre-Dame weiter großes Thema in Frankreich. Es gibt Supermärkte in denen die Kunden beim Bezahlen gefragt werden, ob sie ihren Rechnungsbetrag aufrunden wollen, um das zusätzliche Geld zu spenden. Aber auch Betrüger versuchen weiter Geschäfte mit der überwältigenden Spendenbereitschaft zu machen. Die französische Stiftung Denkmalschutz hat erneut vor gefälschten Internetseiten gewarnt, auf denen zum Spenden aufgerufen wird.

Diskussion um Kulturerbe in Frankreich
Mathias Zahn. ARD Berlin
12:57:00 Uhr, 23.04.2019

Zuletzt aktualisiert: 23.05.2019, 20:02:27