Wie steht es in Deutschland um die Gleichstellung? Quelle: imago

Noch 170 Jahre bis zur Gleichstellung von Männern und Frauen

Gepostet am 21.06.2017 um 16:42 Uhr

Noch 170 Jahre wird es laut Weltwirtschaftsforum dauern, bis Männer und Frauen in Deutschland dieselben Chancen haben. Vorausgesetzt, es geht in derzeitigen Tempo weiter. Ein Kommentar von Julia Barth.

Deutschland ist auf dem Weg zur Gleichstellung allenfalls hinteres Mittelmaß. Zum Beispiel was Mütter auf dem Arbeitsmarkt betrifft. Eine OECD-Studie zeigt, dass 39 Prozent der deutschen Mütter in Teilzeitjobs arbeiten. Nur in Österreich und den Niederlanden ist der Prozentsatz höher. In Schweden, Finnland, Portugal, Ungarn – die Liste ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen – haben dagegen mehr als neun von zehn Müttern einen Vollzeit-Job. In all diesen Ländern teilen Eltern Job und Kindererziehung auch weitaus gerechter untereinander auf, als das in Deutschland der Fall ist.

Klaffende Lohnlücken zwischen Männern und Frauen

Und was die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen betrifft, so führt Deutschland gemeinsam mit Österreich die Statistik an, weil die Lohnlücke hier am größten ist. Daran ist auch die Regierung schuld. Weil es immer noch nicht genügend Betreuungsmöglichkeiten für Kinder gibt, vor allem, wenn die erstmal ins Grundschulalter kommen. Weil die große Koalition zwar etliche Gesetze für mehr Gleichberechtigung beschlossen hat – den Frauen mit Quote, Lohntransparenz oder Elterngeld plus aber allenfalls halbherzig auf die Sprünge hilft. Gute Impulse, die richtige Richtung, mehr nicht.

Gleichstellung kann man nicht verordnen

Doch dass wir in puncto Gleichberechtigung im Ländervergleich so hinterherhinken, kann längst nicht nur der Politik zum Vorwurf machen. Denn die kann keine Gleichstellung verordnen, schon gar nicht allein. Sie kann die Rahmenbedingungen verbessern, und das hat diese Bundesregierung zumindest im Ansatz getan. Leben, nutzen, ausfüllen und vorantreiben muss die Gesellschaft, müssen das Frauen und Männer selber. Und das ist der Punkt, an dem sich viele unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Männer zum Beispiel die, ob sie das wirklich wollen – Haushalt und Kindererziehung partnerschaftlich teilen. Oder ob sie insgeheim nicht ganz froh sind, dass ihr Chef beim Wunsch nach Teilzeit die Augenbraue hochzieht oder schlicht “nein” sagt. Gesetzt den Fall, sie haben überhaupt danach gefragt und haben sich nicht einfach von vorneherein in die Ausrede geflüchtet, dass das in ihrem Job “ja nun leider überhaupt nicht” geht.

Wollen Frauen das alles wirklich?

Und mindestens genauso müssen sich Frauen die Frage gefallen lassen, ob sie das wirklich wollen. Ihr Kind weniger sehen, wichtige Momente verpassen, um genauso viel zum Familieneinkommen beizutragen, wie der Partner. Und ob sie dann auch bereit sind, darauf zu vertrauen, dass ihr Mann das mit den Kindern, dem Haushalt oder der Pflege vielleicht anders, aber genauso gut macht, wie die Frau das für sich in Anspruch nimmt. Oder ob sie zwar beklagt, dass ihr Muttersein ordentlichen Jobchancen im Weg steht, sich aber insgeheim gerade lieber auf ihr Kind als auf die Karriere konzentrieren will, weil sich vielleicht einfach ihre Prioritäten verschoben haben.

Wenn es bis zur völligen Gleichstellung keine 170 Jahre mehr dauern soll, dann reichen Gesetze alleine eben nicht aus. Dann müssen Männer und Frauen das auch wirklich wollen.

Zuletzt aktualisiert: 23.09.2018, 07:09:32