Nicht den Mut verlieren

Gepostet am 20.04.2017 um 15:47 Uhr

Auf seiner Nahost-Reise trifft Sigmar Gabriel Menschen, die mehr Hilfe und Geld wollen. Sie fürchten, dass der Irak zerbricht. Doch erst, berichtet Christoph Prössl, müsse sich der Irak selbst mehr anstrengen.

Pios Qasha freut sich über den Besuch aus Deutschland. Ein Minister, der wissen will, wie die Lage im Irak ist, ganz allgemein, aber auch die Lage der Christen in einem kriegsgeplagten, überwiegend muslimisch geprägten Land.

Der Generalvikar der katholisch-syrischen Kirche trägt ein langes schwarzes Gewand. Er steht in der Kirche St. Joseph in Bagdad – einem Gebäude aus den 90er Jahren – mit dem deutschen Außenminister neben dem Altar. „Wie groß ist die Gemeinde?“, fragt Gabriel. Vor dem Krieg von 2003, als die Amerikaner einmarschierten, seien es 1300 Familien gewesen, jetzt seien es nur noch 250, sagt Pios Qasha. Einige sind vor dem Krieg geflohen, andere wegen der Repressalien, die die Christen erleiden müssen. Zum Osterfest sei die Kirche dennoch voll gewesen.

Droht der Irak auseinander zu brechen?

Der Geistliche gibt Sigmar Gabriel Wünsche mit auf den Weg, was der deutsche Politiker ansprechen möge bei seinen Treffen mit dem Präsidenten des Irak, dem Ministerpräsidenten und dem Außenminister.

Pios Qasha wünscht sich eine Verfassung, die die Gleichberechtigung der Religionsgemeinschaften untermauert. Er befürchtet, dass der Irak auseinanderbrechen könnte. Auch wegen der zahlreichen anderen Probleme.

„Wir brauchen den Wiederaufbau des Landes, die Basisversorgung. Die deutsche Bevölkerung möge uns helfen“, sagt der Iraker.

Deutschland ist die zweitgrößte Geber-Nation

Hilfe leistet die Bundesregierung bereits, für 2017 genehmigte die Regierung 235 Millionen Euro für Syrien und den Irak zusammen. In den vergangenen Jahren hat die Bundesregierung 713 Millionen Euro gezahlt, Geld für den Wiederaufbau und die humanitäre Hilfe. Deutschland ist im Irak nach den USA die zweitgrößte Geber-Nation.

Im Irak leben über drei Millionen Binnenvertriebene und 230.000 Flüchtlinge aus Syrien. Für den Kampf gegen den Islamischen Staat unterstützt die Bundesregierung die Peschmerga-Kämpfer im Norden des Landes mit Waffen. Die Bundeswehr bildet dort auch Soldaten aus. Derzeit sind 140 deutsche Kräfte vor Ort, eine Aufstockung soll es nicht geben.

Der Irak braucht Reformen

Als Gabriel dann mit dem irakischen Außenminister gemeinsam vor die Presse tritt, macht er deutlich: Jetzt muss der Irak Reformen auf den Weg bringen. Die Investitionsbedingungen für ausländische Firmen sollen besser werden, eine unabhängige und zuverlässige Justiz sei nötig. Der Irak sei vor dem Krieg von 2003 ein wohlhabendes, ölreiches Land gewesen, jetzt müsse die Regierung das Potential heben. „Und da glaube ich, liegen die Aufgaben bei der irakischen Regierung und nicht zuallererst bei der internationalen Gemeinschaft“.

Dass die irakische Regierung sich damit schwer tut, macht ein Beispiel deutlich. Die Bundesrepublik hat dem Irak neben den Hilfen Anfang 2016 auch noch einen Kredit für den Wiederaufbau gewährt: 500 Millionen Euro. Doch bislang wurde noch kein Geld abgerufen, wie Gabriel in Bagdad auf der Pressekonferenz deutlich machte. Für die Vergabe der Gelder soll die irakische Regierung konkrete Projekte benennen.

Die Reformen stocken, der Kampf gegen den Islamischen Staat ist hart und verlustreich. In Mossul hat die irakische Armee bereits viele Soldaten verloren. Da kann man schon mal den Mut verlieren. Sigmar Gabriel denkt an Pios Qasha, der schon so viele Rückschläge in seinem Leben durchleiden musste: „Wenn jemand wie der Mut hat, warum sollen wir dann den Mut verlieren?”

 

 

Zuletzt aktualisiert: 28.04.2017, 02:31:41