Hollywoods Angst vor der Übernahme

Gepostet am 13.07.2018 um 09:19 Uhr

Zum ersten Mal lag ein Streaming-Anbieter bei der Gesamtzahl der Emmy-Nominierungen gestern vorn: Netflix setzt die traditionelle TV-Industrie und die großen Hollywood-Studios enorm unter Druck. Von Sabine Müller.

Zum ersten Mal lag ein Streaminganbieter bei der Gesamtzahl der Emmy-Nominierungen gestern vorn: Netflix setzt die traditionelle TV-Industrie und die großen Hollywood-Studios enorm unter Druck.

Sabine Müller, ARD-Studio Los Angeles

Es ist noch nicht lange her, da spotteten Medienmogule über Netflix und seine Aussichten als zukünftiger Rivale der großen TV-Sender und Film-Studios. Der Chef von Time Warner erklärte 2010 abschätzig, da könne man ja gleich fragen, ob die albanische Armee die Weltherrschaft übernehmen werde.

Der Spott ist solchen Leuten längst im Hals stecken geblieben, stattdessen herrscht massive Angst vor dem Streaming-Giganten, der einen beispiellosen Aufstieg hingelegt hat. Ende der 1990er-Jahre startete Netflix als Online-Videothek mit DVD-Versand, 2007 stiegen das Unternehmen dann ins Video-on-Demand-Geschäft ein. Erst vor fünf Jahren begann der Streaming-Dienst damit, erste eigene Inhalte zu produzieren.

So wie “House of Cards” beispielsweise, die Serie über einen skrupellosen US-Politiker. Die Serie war der erste große Netflix-Hit.

Zum ersten Mal hat ein Internet-Streaminganbieter beim wichtigsten Fernsehpreis der Welt mehr Nominierungen als jeder Fernsehsender erhalten. Netflix kam bei der Bekanntgabe der möglichen Preisträger für die Emmy Awards auf 122 Nennungen.

Netflix plant 82 Spielfilme

Im Zweifel kann man auch mal eine ganze Staffel in einem Rutsch schauen: “Binge-Watching” nennt sich das dann. Netflix hat viel “Binge-Würdiges” produziert: “Orange is the New Black”, “Narcos”, “The Crown” oder “Stranger Things”. In diesem Jahr wird Netflix laut Medienberichten zwölf bis 13 Milliarden Dollar in etwa 700 Eigenproduktionen stecken: Spielfilme, TV-Serien, Comedy-Specials, Dokumentationen. Allein 82 Spielfilme sind geplant. Zum Vergleich: Warner Bros. plant 23, Disney plant zehn.

Geschäftsführer Reed Hastings gab sich im vergangenen Jahr ganz bescheiden: Netflix habe noch einen weiten Weg vor sich, um mehr Programme für mehr zufriedene Abonnenten und mehr Wachstum zu generieren.

Etwa 126 Millionen Abonnenten hat der Streamingdienst weltweit, mehr als die Hälfte davon außerhalb der USA. Ein wahrhaft globales Phänomen, das Netflix mit viel Internationalisierung weiter füttert: Aktuell werden in 21 Ländern Programme produziert, unter anderem in Deutschland, Indian und Brasilien.

David Letterman kam aus dem Ruhestand zurück

Eins der Erfolgsgeheimnisse von Netflix: Die Zuschauer kriegen genau, was sie wollen, weil wohl kein Medien-Unternehmen die Vorlieben seiner Zuschauer so gut kennt wie Netflix. Der Dienst setzt auf große Namen; holte Talker David Letterman aus dem Ruhestand zurück, warb “Grey’s Anatomy”-Produzentin Shonda Rhimes an und die Obamas.

“Netflix versucht bewusst, das bestehende Ökosystem der Branche zu zerstören”, beschwert sich ein Hollywood-Manager, der nicht namentlich genannt werden will. Alte und neue Rivalen versuchen, gegenzuhalten: Amazon, Hulu und Apple investieren massiv ins Streaming, Disney zeigt seine Filme nicht mehr auf Netflix und plant spätestens ab kommendem Jahr einen eigenen Streamingdienst.

Der Kampf um das zum Verkauf stehende Filmstudio 20th Century Fox wird von Disney und Comcast auch deswegen so hart geführt, weil sie sich durch eine Übernahme Vorteile im Wettbewerb mit Netflix versprechen. Die großen Player wollen verhindern, dass jene Illustrationen Wirklichkeit werden, mit denen Artikel über Netflix gerne bebildert werden: Da wird das berühmte “Hollywood”-Zeichen durch die Netflix-Buchstaben ersetzt.

Emmy-Nominierungen: Netflix sticht alle aus
Sabine Müller, ARD Los Angeles
08:34:00 Uhr, 13.07.2018

Zuletzt aktualisiert: 15.11.2018, 07:32:55