SPD-Chefin Andrea Nahles hat ihren Rücktritt angekündigt. Foto: imago/snapshot

Nahles wollte mit offenem Visier kämpfen

Gepostet am 02.06.2019 um 14:57 Uhr

Die SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles hat ihren Rücktritt angekündigt. In den vergangenen 25 Jahren hat sie gesungen, gebrüllt und gekämpft. Feige war sie nie. Ein Porträt von Anita Fünffinger.

Andrea Nahles hat keine Scheu

Feige ist sie nicht. In keiner Hinsicht. Andrea Nahles hat keine Scheu, sich im Bundestag lächerlich zu machen:

„Ich mach‘ mir die Welt, widdewidde, wie sie mir gefällt…“

Andrea Nahles hat auch keine Bedenken, zum Wahlkampfabschluss im Bremen – wenn die Sozialdemokraten befürchten müssen, ihre letzte ursozialdemokratische Bastion nach 73 Jahren zu verlieren – zu sagen:

„Eins kann ich hier nicht machen. Es geht einfach nicht. Ich kann jetzt nicht sagen: Ich liebe Bremen!“

Andrea Nahles steht dabei am Rednerpult, rudert mit den Armen und lacht. Sie lacht sich auch schlapp, wenn sie in den letzten Tagen der Großen Koalition 2017 gefragt wird, wie es ihr denn geht, beim Abschied von der Union.

„Ein bisschen wehmütig. Und ab morgen kriegen sie in die Fresse.“

Bei Liedern und Sätzen wie diesen bleibt nicht nur dem politischen Gegner, sondern auch vielen Sozialdemokraten das Lachen im Hals stecken. „Peinlich, kindisch, das kann sie doch nicht bringen!“. Solche Kommentare gibt es hinter vorgehaltener Hand genügend.

Nahles bot den älteren Männern in der SPD die Stirn

Andrea Nahles ist das anscheinend egal. Wer vor ihr steht, ob der wichtig ist oder nicht, das hat die Frau aus der Eifel schon mit 25 Jahren nicht gestört. Als Juso-Chefin machte sie beim Mannheimer Parteitag Stimmung gegen SPD-Parteichef Rudolf Scharping. Am Ende war Oskar Lafontaine Parteivorsitzender. Er sagt über Nahles:

„Ich finde, dass es tatsächlich eine Bereicherung für die Partei ist, dass diese junge Frau dieses Amt bekleidet. Sie macht das in sehr erfrischender Art und Weise“.

Von den älteren Herren in der SPD redet knapp 25 Jahre später keiner mehr so über Andrea Nahles. Martin Schulz nicht, Sigmar Gabriel schon gar nicht. Und der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder auch nicht. Nahles hatte es 2005 gewagt, ihren Hut für das Amt der Generalsekretärin in den Ring zu werfen, obwohl die Herren Franz Müntefering und Gerhard Schröder das ganz anders unter sich ausgemacht hatten. Schröder damals stinksauer:

„Es gibt in den großen Volksparteien gelegentlich die Situation, dass der Ehrgeiz einzelner vor der Verantwortung für das Ganze rangiert.“

Ob Schröder einen Mann auch wegen seines Ehrgeizes angegangen wäre? Jedenfalls hat es keiner ihrer sozialdemokratischen Vorgänger geschafft, den Mindestlohn oder die Rente mit 63 durchzusetzen. Andrea Nahles packte im Arbeitsministerium an, als stünde sie auf dem Bau.

Gegen viel Widerstand führte Nahles die SPD in eine erneute Groko

Sie brüllte die Sozialdemokraten 2018 in die vierte Große Koalition. Nicht die Rede von Martin Schulz war die entscheidende beim Sonderparteitag in Bonn, sondern die von Andrea Nahles.

„Wir werden verhandeln, bis es quietscht auf der anderen Seite. Alles andere kann ich euch nicht versprechen. Aber wir werden verhandeln und weitere gute Sachen rausholen.“

Andrea Nahles hatte keine Angst vor der Großen Koalition. Sie hat auch keine Angst vor der Fraktion. Wer etwas gegen sie hat, solle sich melden und kandidieren. Das war ihre Botschaft. Keiner hat sich gemeldet. Andrea Nahles wollte mit offenem Visier kämpfen. Sie mag vielleicht zu falsch singen und zu laut lachen, aber feige ist sie nicht.

Autorin: Anita Fünffinger, BR

Zuletzt aktualisiert: 24.06.2019, 10:58:47