Zu Höherem berufen?

Gepostet am 25.09.2017 um 11:33 Uhr

SPD-Chef Schulz hat Arbeitsministerin Andrea Nahles als künftige Fraktionsvorsitzende vorgeschlagen. Geschickt hatte sie sich zuletzt in Stellung gebracht. Für die Partei ist sie eine Zukunftsoption – auch weil sie manchmal auf den Tisch haut. Von Matthias Zahn.

SPD-Chef Schulz hat Arbeitsministerin Andrea Nahles als künftige Fraktionsvorsitzende vorgeschlagen. Geschickt hatte sie sich zuletzt in Stellung gebracht. Für die Partei ist sie eine Zukunftsoption – auch weil sie manchmal auf den Tisch haut.

Von Mathias Zahn, ARD-Hauptstadtstudio

Andrea Nahles kann kämpfen. Als vergangene Woche die Fusionspläne für den  Stahlkonzern thyssenkrupp hochkochten, schaltete sie ruckzuck um. Aus der staatstragenden Arbeitsministerin wurde die streitbare Arbeiterführerin. Nahles schrie sich vor wütenden Beschäftigten heiser: “Es geht, verdammte Kacke nochmal, um alles!” – ein klassischer Nahles Satz. Sie kann Volksnähe auf Knopfdruck. Obwohl sie selbst nie am Fließband gestanden hat, sondern immer “nur” Politik gemacht hat, gibt sie überzeugend die Schutzpatronin des kleinen Mannes.

Sie kennt die Sprache der Malocher und kann eben auch Mal so richtig auf den Tisch hauen, wenn es sein muss. Sie kann aber auf Menschen zugehen, Nähe erzeugen, mit einem der typischen, lauten Nahles-Lacher das Eis brechen. Diese Volksnähe und die Kämpferqualitäten á la Gerhard Schröder werden für den Neustart in der SPD gebraucht. Die Partei muss zu ihren Wurzeln und Wählern zurück. Dass sie da liefern kann, ist ein großer Pluspunkt für Nahles.

Schulz

SPD

Flucht nach vorn

Er kam, kämpfte – und verlor. Und macht weiter. Martin Schulz bleibt SPD-Chef. Einer Partei, die am Boden liegt – und dennoch den Überraschungscoup des Wahlabends landet. Opposition ist Mist? Unsinn. Von Wenke Börnsen. | mehr

Bewerbungsrede für Höheres

Kaum jemand kennt die Partei so gut – ist so gut vernetzt. Seit mehr als 30 Jahren lebt sie für die SPD und hat sich in der sozialdemokratischen Männerwelt nach oben gekämpft, hat keinen Respekt vor Alphatieren wie Schröder oder Franz Müntefering gezeigt. Und sie könnte jetzt ihre Chance nutzen: Dass Nahles Fraktionsvorsitzende kann, hat sie Anfang September in der letzten Bundestagssitzung vor der Wahl gezeigt. Sie ist zwar nicht die stärkste Rednerin, legte aber dennoch einen starken Auftritt hin. Ohne Manuskript und frei von jeder Koalitionsdisziplin zerriss sie die Sozialpolitik der Union und drückte der Kanzlerin den Stempel “Bremserin” auf. Es war als Bewerbungsrede für Höheres gemeint und wurde in der begeisterten SPD-Fraktion auch genau so empfunden.

So hat sich die bekennende Katholikin aus dem Eifel-Dorf Weiler über die Parteigrenzen Respekt erarbeitet. Nahles schaltete vor vier Jahren schnell um von der lauten Oppositionspolitikerin, die am Rednerpult das Pippi-Langstrumpf-Lied nachkrächzte, hin zur pragmatischen Arbeitsministerin. Dass sie diesen Rollenwechsel so selbstverständlich hinbekam, hatten ihr längst nicht alle in der SPD zugetraut.

Als Ministerin machte sie Gesetze am laufenden Band und das relativ geräuschlos. Sie stimmte sich frühzeitig ab, ging auch auf die Union zu, was ihr dort großen Respekt einbrachte bis hoch zu Fraktionschef Volker Kauder. Nahles war tief drin in allen Themen, überzeugte mit ihrer Sachkenntnis auch die politische Konkurrenz.  

Bild: Warum ist die SPD derzeit nicht so erfolgreich wie noch vor einigen Monaten vermutet?

Was denken die Wähler?

Warum schnitt die SPD so schlecht ab?

Im Frühjahr lag die SPD noch auf Augenhöhe mit der Union. Warum fuhr sie jetzt ein derart schlechtes Ergebnis ein? | mehr

Mutter, Königsmörderin, Taktikerin

Als Mutter einer kleinen Tochter muss sie den Vollzeit-Job Ministerin und ihr Familienleben unter einen Hut bekommen. Für sie ist das mit viel Pendelei zwischen Berlin und der Eifel verbunden. Damit steht Nahles für ein moderneres Frauenbild, das auch die SPD vertritt.

Doch gleichzeitig ist sie ein Beispiel dafür, wie sehr ein Negativ-Image an einem Politiker hängen bleiben kann. Für viele Deutsche ist sie immer noch die radikale, schrill keifende Juso-Vorsitzende, obwohl das schon lange her ist. Wenn Nahles mit Macht etwas will, ist schnell das Bild von der Königsmörderin da, die SPD-Chef Müntefering vom Thron stürzte. Zwölf Jahre ist das mit Müntefering inzwischen her. Nahles hat seitdem viel dazu gelernt, bedauert nach eigenen Worten was damals passiert ist.

Inhaltlich gilt sie noch immer als Parteilinke, wird aber auch vom konservativen Parteiflügel geschätzt. Denn sie ist eine geschickte Taktikerin. Über Karriereambitionen hat sie in den letzten Monaten nie geredet, weil sie weiß: Wer im Machtspiel zu früh zuckt, hat schon verloren. Nahles hat da etwas mit Angela Merkel gemeinsam. Ein großer Vorteil ist ihr Alter. Sie ist 47 Jahre. Martin Schulz und Fraktionschef Thomas Oppermann sind beide Anfang 60. Nahles könnte als Fraktionschefin den Generationenwechsel glaubwürdig verkörpern. Dass sie sich den Fraktionsvorsitz und auch noch höheres vorstellen kann, daran gibt es keinen Zweifel.

Absturz einer Volkspartei
tagesschau24 23:05:00 Uhr, 24.09.2017

Zuletzt aktualisiert: 19.11.2017, 12:59:37