Wer sie unterschätzt, hat schon verloren

Gepostet am 12.10.2016 um 14:01 Uhr

Die Botschaft der Sozialhilfe-Entscheidungen ist klar: Arbeitsministerin Nahles will sich als verantwortungsvolle Politikerin präsentieren, die ganz Europa im Blick hat. ARD-Korrespondent Mathias Zahn sieht darin einen leisen, aber konsequenten Plan: die Kanzlerkandidatur.

Die Message der Hartz-IV-Entscheidungen ist klar: Arbeitsministerin Nahles will sich als verantwortungsvolle Politikerin präsentieren, die ganz Europa im Blick hat. Und verfolgt damit leise, aber konsequent einen Plan: die Kanzlerkandidatur.

Ein Kommentar von Mathias Zahn, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist kein Massenphänomen, das Andrea Nahles jetzt bekämpft. Es kommen nicht zehntausende Bulgaren und Rumänen, um bei uns die Füße hochzulegen und dann nach einem halben Jahr Sozialhilfe zu kassieren. Nahles kümmert sich um eine Möglichkeit. Sie redet von “hätte” und “könnte”. Sie will ein Schlupfloch schließen, bevor es massenhaft genutzt wird. Das ist okay. Deutschland muss es sich nicht bieten lassen, dass jemand hierher kommt nur um schon nach ein paar Monaten abzukassieren.

Es ist aber auch ein politisch leicht zu durchschauendes Manöver. Die Rechtspopulisten der AfD werben mit dem Slogan: “Deutschland ist nicht das Welt-Sozialamt”. Auch CSU-Chef Horst Seehofer hat mit diesem Spruch schon losgepoltert – vor tausenden biertrinkenden CSU-Anhängern. Andrea Nahles formuliert es geschickter. Die Botschaft ist aber dieselbe.

Jung genug, um Merkel auszusitzen

Nahles will für die SPD ein Stück Lufthoheit an den Stammtischen zurückgewinnen, indem sie Härte zeigt. Sie macht das sehr schlau, fordert heute in einer großen Tageszeitung soziale Mindeststandards überall in der EU. Andrea Nahles gibt die verantwortungsvolle Politikerin, die ganz Europa im Blick hat. Niemand soll ihr mit dem Populismus-Vorwurf kommen können. Nahles setzt sich so von den testosterongesteuerten Bauchpolitikern Seehofer und Gabriel ab.

Die ehrgeizige Rheinland-Pfälzerin verfolgt leise, aber konsequent einen Plan: die Kanzlerkandidatur 2021. Mit ihren 46 Jahren ist Nahles jung genug, um Angela Merkel auszusitzen. Und was für Merkel gilt, gilt auch für Nahles: Wer sie unterschätzt, hat schon verloren.

Zuletzt aktualisiert: 22.07.2018, 04:42:01