Mit dem Rücken zur Wand? Der DGB vor dem 1. Mai

Gepostet am 30.04.2017 um 18:30 Uhr

Nur noch etwa jeder sechste Arbeitnehmer lässt seine Interessen von einer DGB-Gewerkschaft vertreten, in den 90er Jahren war es noch jeder dritte. Im Bericht aus Berlin haben wir über den schwindenden Einfluss der Gewerkschaften gesprochen.


Deutschlands wilder Westen liegt in Gelsenkirchen. Der Eigentümer der Firma Wellpappe schließt im Herbst über Nacht sein örtliches Werk; woanders produziert er billiger.  Die 96 Mitarbeiter lässt er nach Gutsherrenart einfach aussperren. Auch den Betriebsrat – und das ist illegal.

Bodo Steigleder, ex-Betriebsrat der Firma Wellpappe Gelsenkirchen GmbH & Co KG,

sagt:

Es war alles abgesperrt. Hier vorne standen überall Gitter, hier waren Gitter, dann waren Wachleute, mit Hunden.. Wir haben hier erwachsene Männer weinen sehen, die konnten es einfach nicht begreifen. Viele Kollegen waren 35, 40 Jahre hier. Und das ist wirklich eine absolute Hilflosigkeit und eine Wut.

Der Konzernchef blockierte anfangs die Zahlung des Insolvenzgeldes, die Mitarbeiter wiederum blockierten dann den Abtransport der Insolvenzmasse. Rauhe Sitten. Und immer noch machen Firmen im nördlichen Ruhrgebiet dicht – trotz Hochkonjunktur.

Josef Hülsdünker vom DGB Region Emscher-Lippe meint:

In unserer Region gibt es mehrere Betriebe, die geschlossen werden, um sie in Billiglohnländer zu verlagern.

Die Dosenfirma Ball im benachbarten Recklinghausen schließt im Juli. 360 Jobs weg. Vermutlich entstehen neue dafür in Polen. Dort locken EU-Subventionen, empören sich Gewerkschafter.

Ein Demonstrant ist sauer:

Ich fühl mich einfach scheiße. 35 Jahre den Arsch aufgerissen für die Kack-Firma, und dann auf einmal das Aus.

In Gelsenkirchen findet morgen die zentrale 1. Mai-Kundgebung des DGB statt mit dem Bundesvorsitzenden Reiner Hoffmann und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles.  Die Ministerin sieht in den Gewerkschaften wichtige Mitstreiter für ihren geplanten „Pakt für anständige Löhne” :

Die Gewerkschaften sind dafür mit verantwortlich, dass wir anständige Löhne in Deutschland gezahlt bekommen, und da wo es Gewerkschaften gibt, da wo sie stark sind, da wo es Betriebsräte gibt, da haben die Menschen unter dem Strich mehr in der Tasche.

In Gelsenkirchen sieht man, warum die Gewerkschaften trotzdem an Stärke verloren haben und warum nur noch jeder siebte Erwerbstätige in Deutschland einer  DGB- Gewerkschaft angehört, wo es vor 25 Jahren noch fast jeder dritte war. Die Strukturen ändern sich. Hier starben die Zechen. Es wächst aber etwas nach: jährlich 1000 neue Jobs, in High-Tech-Firmen, im Dienstleistungssektor, aber eben vor

allem in der Alten-und Krankenpflege. Mitarbeiter dort werden nicht mehr so leicht Gewerkschaftsmitglied.

Josef Hülsdünker vom DGB Region Emscher-Lippe sagt:

Es gibt größere Schwierigkeiten, Dienstleistungsbeschäftigte, insbesondere wenn die in Teilzeit sind, geringfügig Beschäftigte für uns zu gewinnen, weil  der direkte Zusammenhang zwischen Gewerkschaftsarbeit und Fortschritten im Betrieb nicht so erkennbar ist wie in der Industrie.

Hätten die Gewerkschaften mehr Mitglieder, wenn sie radikaler auf Arbeitszeitverkürzung setzen würden? Auf 30 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich? Das fordern manche Wissenschaftler, so auch Prof. Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftswissenschaftler an der Westfälischen Hochschule:

Die Gewerkschaften tun sich leider schwer mit dieser Forderung der Arbeitszeitverkürzung, da hab’ ich auch wenig Verständnis für, weil es das einzige ökonomische Instrument ist, um was gegen die Massenarbeitslosigkeit zu tun.

In Berlin nimmt der DGB-Bundesvorstand Einfluss auf die Politik. Für höhere Renten, oder ein arbeitnehmerfreundliches Steuersystem. Dem DGB spielt die aktuelle Diskussion um soziale Gerechtigkeit in die Karten.

Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler an der Uni Duisburg meint: 

Die Gewerkschaften agieren eher im Stillen effektiv und machen Druck auf einzelne Abgeordnete im Bundestag. Und das hat zugenommen.

In Gelsenkirchen ist die Firma Wellpappe inzwischen ganz dicht, alle 96 entlassen.
Hier wünschen sich Gewerkschafter vom Bund, dass er solche  Aussperrungen künftig strafrechtlich ahndet.


Hier unser Interview mit DGB-Chef Reiner Hoffmann: 


Den ganzen Bericht aus Berlin vom 30. April finden Sie hier

Zuletzt aktualisiert: 26.05.2017, 03:48:11