Vom alten Rivalen zum Nachfolger?

Gepostet am 30.10.2018 um 18:18 Uhr

Nach knapp zehn Jahren Pause zieht es Friedrich Merz zurück auf die politische Bühne: Er will CDU-Chef werden. Seine Beziehung zu Angela Merkel ist geprägt von Rivalität – aber auch von Anerkennung. Von Janina Lückoff.

Nach knapp zehn Jahren Pause zieht es Friedrich Merz zurück auf die politische Bühne. Die Beziehung zu Angela Merkel ist geprägt von Rivalität – aber auch von Anerkennung.

Von Janina Lückoff, ARD-Hauptstadtstudio

“Allergrößten Respekt und wirklich große Hochachtung vor Angela Merkel. Das ist eine souveräne, großartige Entscheidung, die sie da getroffen hat.” Worte, die Friedrich Merz genau so auch heute hätte sagen können – möglicherweise hat er sie sich gedacht.

Ausgesprochen hat er sie im Januar 2002, als Angela Merkel, zu dem Zeitpunkt seit knapp zwei Jahren CDU-Vorsitzende, zugunsten des CSU-Chefs Edmund Stoiber auf die Kanzlerkandidatur verzichtete. Dass dies so gelaufen sei mache ihn persönlich “außerordentlich glücklich”, fügte Merz damals hinzu. Das sollte sich nach der Bundestagswahl ändern.

Bundesregierung im “Dämmerzustand”

Zu diesem Zeitpunkt war Merz Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag und damit Oppositionsführer. “Eine Regierung im Wachschlaf” nannte er die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder während einer Bundestagsdebatte, warf ihr “einen jämmerlichen Zustand” vor, einen “Dämmerzustand”. Als wortgewaltig und angriffslustig galt er schon damals.

Der gebürtige Sauerländer Merz trat mit 17 der CDU bei, studierte Jura in Bonn, wurde Richter am Amtsgericht Saarbrücken und schließlich Rechtsanwalt. 1989 betrat der Vater dreier Kinder die politische Bühne, zunächst als Abgeordneter des Europäischen Parlaments, von 1994 an im Bundestag. Er gilt als ebenso wirtschaftsliberal wie konservativ, prägte im Jahr 2000 den Begriff der deutschen Leitkultur.

“Es geht im Wesentlichen darum, dass die hier in Deutschland lebenden Ausländer auch bereit sind, sich einer deutschen Leitkultur anzuschließen und bereit sind, auch einen eigenen Integrationsbeitrag zu leisten.”
(Friedrich Merz im Jahr 2000)

Vom Hoffnungsträger zum Merkel-Kritiker

Merz ist nur zwei Jahre Fraktionsvorsitzender. Nach der für die Union verlorenen Bundestagswahl 2002 beanspruchte Merkel den Posten für sich. Merz blieb Fraktionsvize, doch fortan lagen die beiden im Clinch. Der einstige Hoffnungsträger wurde zum Merkel-Kritiker. Hätte Stoiber die Wahl gewonnen, wäre Merz wohl Finanzminister geworden – und hätte dafür auch Merkels Unterstützung gehabt.

“Deshalb möchte ich noch einmal daran erinnern, dass es Friedrich Merz ganz wesentlich mit zu verdanken ist, dass wir es innerhalb der CDU in dieser Legislaturperiode geschaffen haben, wieder Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik und Finanzpolitik in einer Einheit zu definieren und zu sehen, nämlich aus einem ordnungspolitischen Grundverständnis heraus.”
(Angela Merkel im Jahr 2002)

Steuererklärung auf dem Bierdeckel

Für Aufsehen sorgte Merz im Jahr 2003 mit seinem Konzept für eine grundlegende Steuerreform. Das Steuersystem wollte er radikal vereinfachen: “Es kann sich jeder auf dem Bierdeckel ausrechnen, wie hoch seine Steuerschuld ist”, umriss Merz sein Ziel. Gelingen sollte das mithilfe sehr viel geringerer Steuersätze: einem “Steuerstufentarif mit zwölf, 24 und 26 Prozent”.

Aus dem Bierdeckel-Modell wurde nichts – auch wegen des Widerstands der CSU. Wohl auch deshalb verzichtete Merz 2004 auf seinen Posten als Fraktionsvize und seinen Sitz im Präsidium der CDU; 2009 zog er sich aus der aktiven Politik zurück.

“Ich habe immer gesagt: Wer reingeht in politische Mandate muss auch – jedenfalls für sich selber – wissen, wann er wieder rausgeht. Ich möchte ganz einfach nach 20 Jahren hauptamtlicher politischer Tätigkeit wieder zurück in meinen Beruf. Ich bin dann Mitte 50 und ich glaube, das ist ein guter Zeitpunkt.”
(Friedrich Merz im Jahr 2007)

Mittlerweile ist Friedrich Merz 62 Jahre alt, Mitglied einer internationalen Anwaltskanzlei und Vorsitzender in mehreren Aufsichtsräten, unter anderem beim deutschen Ableger der Investment-Firma BlackRock. Außerdem ist er Vorsitzender des Netzwerks Atlantik-Brücke.

Kritik an der CDU

Die Politik – auch und vor allem seiner Partei – hat er dabei nicht aus den Augen verloren. Im Juni kritisierte er im Fernsehsender Phoenix, dass die CDU es nicht mehr schaffe, national-konservativ denkende Menschen anzusprechen.

“Diesen Anspruch hat die CDU in den letzten Jahren – aus meiner Sicht als einfaches Mitglied – nicht mehr genügend gezeigt und gelebt. Man muss zur politischen Mitte hin integrieren wollen.”
(Friedrich Merz im Juni 2018)

Dass er noch einmal in die aktive Politik zurückkehren würde, hatte er angeblich nicht geplant. “Ich habe keine Veranlassung, über irgendetwas nachzudenken”, sagte Merz noch im Juni. Nun kandidiert er für den CDU-Parteivorsitz.

Zuletzt aktualisiert: 21.11.2018, 11:06:45