Übertreibt es Merkel mit ihrer Gelassenheit? Foto: Imago / Luo Huanhuan

Merkel – zu gerupft, um cool zu bleiben

Gepostet am 26.09.2017 um 16:47 Uhr

Staub aus den Klamotten klopfen, weitermachen: Das ist zusammengefasst die Parole der CDU-Chefin, erst nach der Niedersachsen-Wahl über Wahlverluste zu sprechen. Bei einem Minus von mehr als acht Prozent ist das ein bisschen wenig, kommentiert Alex Krämer.

Angela Merkel ist cool, gelassen, reagiert nie hektisch: Genau das ist es, was Viele an ihr schätzen.

Jetzt aber übertreibt sie’s mit der Coolness: Die Union hat das schlechteste Wahlergebnis seit 1949 eingefahren, und die Chefin sagt auf die Frage nach möglichen Fehlern: Nö, ich wüsste wirklich nicht, was wir anders machen sollten. Jaa, ein paar Stimmen mehr wären schon schön gewesen, aber immerhin liege man ja noch über 30 Prozent und damit deutlich vor der völlig zerschmetterten SPD.

Aus beruhigender Gelassenheit wird Wurschtigkeit
Hallo, war da was? Das ist keine beruhigende Gelassenheit mehr, sondern Wurschtigkeit. Mit ihrem kompletten Verzicht auf Selbstkritik bringt Merkel die CSU, die nach ihrem besonders miesen bayerischen Wahlergebnis ohnehin schon panisch durch die Gegend rennt, erst so richtig auf die Palme. Horst Seehofer hat völlig Recht, wenn er sagt, man könne jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Noch gefährlicher für Merkel ist, dass in der CDU natürlich viele genau dasselbe Gefühl haben. Darauf nicht mal einzugehen, zeugt von zunehmender Abgehobenheit.

Selbstverständlich muss Merkel sich nicht am Tag nach der Wahl hinstellen, und sagen, das und das und das war falsch, und wir ändern jetzt den Kurs um 180 Grad. Aber zuzugeben und klar zu benennen, dass da offensichtlich was gründlich schief gelaufen ist – das ist nicht zu viel verlangt.

Eine klare Sprache würde fürs Erste helfen
Die Konsequenz muss ja nicht ein strammer Rechtskurs sein, wie ihn Horst Seehofer jetzt anstrebt – und dabei ausblendet, dass er den Aufstieg der AfD durch seine komplett überzogenen Angriffe auf Merkel mitbefördert hat – Stichwort Herrschaft des Unrechts. Aber fürs Erste würde eine klarere Sprache schon mal nicht schaden: Merkel könnte zum Beispiel den Kurswechsel, den sie seit 2015 vollzogen hat, endlich mal benennen.

Von ihrer Willkommenskultur ist längst nichts mehr übrig, die CDU setzt ziemlich durchgehend auf Abschottung und hat damit die Zahl der Asylbewerber sogar klar unter die Obergrenze der CSU gedrückt. Nur hat Merkel das nie so klar gesagt, sie wollte sich nicht von sich selbst distanzieren – was sie durch ihr Handeln allerdings längst getan hat. Auf ihre Art ist die Kanzlerin genauso bockig wie ihr Kontrahent Horst Seehofer. Wegen der anderen Lautstärke ist es bei ihr nur nicht ganz so offensichtlich.

Zuletzt aktualisiert: 17.06.2019, 03:11:40