#Merkelstreichelt – nicht mehr

Gepostet am 15.07.2016 um 04:40 Uhr

15. Juli 2015: Kopfgesteuerte Kanzlerin trifft Flüchtlingsmädchen. Merkel spricht schonungslos wahre Worte, Reem weint, Merkel streichelt, spendet Trost. Seitdem: Deutschland erlebte kurz eine „Wir schaffen das“-Kanzlerin – und dann deren langsames Ende. Von M. Zahn.

Kopfgesteuerte Kanzlerin trifft Flüchtlingsmädchen. Merkel spricht schonungslos wahre Worte, Reem weint, Merkel streichelt, spendet Trost. Ein Jahr ist das jetzt her. Seitdem: Deutschland erlebte kurz eine „Wir schaffen das“-Kanzlerin – und dann deren langsames Ende.

Von Mathias Zahn, ARD-Hauptstadtstudio

Auf Twitter bekam die Kanzlerin vor einem Jahr den Shitstorm eiskalt zu spüren. Unter dem Hastag #merkelstreichelt traf sich die politisch korrekte Netzgemeinde zur kollektiven Empörung. Wie gefühlskalt müsse man sein, um einem Flüchtlingsmädchen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, dass es vielleicht bald abgeschoben werde? Ein Mädchen, das sich sehr gut integriert hat, fließend deutsch spricht. Das fragten sich damals viele.

Es könnten eben nicht alle kommen und bleiben, erklärte Physikerin Angela Merkel dem Kind mit einer einfachen Formel. Wenn alle kommen, dann schaffen wir das nicht. Ja: „Dann schaffen wir das nicht“, sagte Merkel heute vor einem Jahr.

Das war die kopfgesteuerte Kanzlerin, die Flüchtlinge als Ströme auf der Weltkarte sieht. Deutschland und die Krisengebiete als kommunizierende Röhren. Dass Merkels Wahrheit das Flüchtlingsmädchen Reem zum Weinen brachte, brachte wiederum Merkel aus der Fassung.

Etwas ungelenk streichelte die Kanzlerin die 14-Jährige. Trost, wo es nichts zu trösten gibt. Merkel und spontane Emotion – das konnte nicht gut gehen. Die Kritik danach saß. Das Bild war in der Welt im heißen Sommer der Flüchtlingsschicksale. Merkel als die kühle Technikerin der Macht, vorgeführt von einer 14-Jährigen mit tränenreichem Schluchzen. Man kann davon ausgehen, dass die Begegnung Merkel nahe ging. Sicher ist, dass die Kanzlerin die öffentliche und veröffentlichte Meinung über sich genau verfolgt. Und notfalls gegensteuert.

Merkels Mantra ohne Masterplan

Nur einige Wochen später wurden am Münchner Hauptbahnhof Teddybären verteilt und die ankommenden Flüchtlinge beklatscht. Merkel hatte entschieden: Die in Ungarn festsitzenden Geflüchteten durften zu Zehntausenden kommen. Dass die historische Entscheidung keine direkte Reaktion auf die weinende Reem war, darf man unterstellen. Merkel reagierte auf die katastrophale Lage in Ungarn und sah dabei sicher auch den Mantel der Geschichte wehen. Das Bild der kühlen Kanzlerin korrigierte sich in jedem Fall über Nacht. Von der Eiskönigin zur mitfühlenden Emo-Kanzlerin. „Wir schaffen das“ wurde zu Merkels Mantra ohne Masterplan.

Wahre und harte Worte wie Merkel sie dem Flüchtlingsmädchen Reem zugemutet hatte, enthielt die Kanzlerin ihren Landsleuten vor. Dass die Integration der Flüchtlinge Milliarden kosten werde, dass es Konflikte geben werde. Das passte nicht in die Euphorie des Sommermärchens 2015. Merkel reagierte vielmehr trotzdem: Wenn wir den Geflüchteten kein freundliches Gesicht mehr zeigen dürfen, dann sei das nicht mehr ihr Land. Ein einmaliger Vorgang. Die Kanzlerin verordnet Willkommenskultur und setzt moralisch höchste Maßstäbe. Wer dagegen ist, gehört nicht mehr dazu.

Abstieg vom Gipfel der Moral

Die bemerkenswerte Leistung der Bundeskanzlerin besteht darin, vom Gipfel der Moral wieder abzusteigen. Seit September erleben wir eine Angela Merkel, die gegensteuert ohne dass es nach einer Kurskorrektur aussehen darf. Bisher erstaunlicherweise mit Erfolg. Die drastische Verschärfung der Asylgesetze. Der Türkei-Deal.

Das Image der gefühlskalten Kanzlerin brachte all das nicht zurück. Merkel weist darauf hin, dass die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurück müssen, sobald dort Frieden herrscht. Und sie stellt klar: Muslime müssen schon akzeptieren, wenn die Deutschen Schweinefleisch essen. Der Schweinebraten bleibt. Basta! Aus Merkels streichelnder Hand ist in einem Jahr die harte Hand geworden. Nur merken soll es keiner. Das ist politische Kunst. Merkels Kunststück – und die Vorführung dauert an. Nur, dass am Ende das Publikum applaudiert, ist nicht garantiert.

Analyse: Merkels Flüchtlingsjahr – vom Streicheln zur Härte
M. Zahn, ARD Berlin
12:32:00 Uhr, 14.07.2016

Zuletzt aktualisiert: 18.08.2019, 19:07:52