So wird Merkel dieses Mal scheitern

Gepostet am 21.11.2016 um 09:51 Uhr

Der gestrige Auftritt von Kanzlerin und Kanzlerkandidatin Merkel war schwach, meint Achim Wendler. Sie bot zu viel Präsidiales und zu wenig Attacke – die alte Harmonie-Strategie. Aber so wird sie dieses Mal scheitern, denn die Gegner sind rücksichtloser als je zuvor.

Der gestrige Auftritt von Kanzlerin und Kanzlerkandidatin Merkel war schwach, meint Achim Wendler. Sie bot zu viel Präsidiales und zu wenig Attacke – die alte Harmonie-Strategie. Aber so wird sie dieses Mal scheitern, denn die Gegner sind rücksichtloser als je zuvor.

Ein Kommentar von Achim Wendler, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn Angela Merkel im Wahlkampf so weitermacht, wie sie gestern begonnen hat, wird sie scheitern. Sie hat allzu wenig geboten, in der Form wie im Inhalt.

Zuerst zur Form: Alles sah nach Pflicht aus. Sie habe unendlich nachgedacht über eine erneute Kandidatur, sagte Merkel. Sie hätte auch sagen können: Sie hat lange gezögert. Das klingt weder kraft- noch lustvoll.

Jetzt zum Inhalt: Merkel sagte im Wesentlichen, es seien schwierige Zeiten. Und sie habe immer noch Ideen. Das ist dieselbe Botschaft wie 2013. Sie wird niemanden begeistern, der von Merkel nach zwölf Jahren Kanzlerschaft genug hat.

Noch bemerkenswerter ist ein anderer Satz Merkels: Es sei ihr besonders wichtig, für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu werben. Wie bitte? Wieder die alte Harmonie-Nummer? Im Politjargon heißt das: “asymmetrische Demobilisierung” – die Umarmung des politischen Gegners. Eine erdrückende Umarmung.

Die alte Strategie wird nicht mehr funktionieren

Das ist Merkels alte Strategie. Früher funktionierte sie auch. Merkels Gegner von 2009, Frank-Walter Steinmeier, ließ sich gern umarmen. Ihr Gegner von 2013, Peer Steinbrück, hatte nicht die Kraft, sich zu wehren.

Diesmal aber hat Merkel einen anderen Gegner. Einen härteren. Unberechenbaren. Erstens: die SPD. Wer auch immer deren Kanzlerkandidat wird, er wird kämpfen und nicht kuscheln. Zweitens: die AfD. Sie ist überhaupt nur da, weil Angela Merkel so viel umarmt hat früher, nur hatte sie mit ihren Armen dann doch nicht die Spannweite, um auf Dauer wirklich alle Deutschen zu umklammern. Ach ja, und die CSU weiß auch noch nicht genau, wie sie nun Wahlkampf machen soll: mit oder neben oder statt Merkel. Jedenfalls scheint sich nicht mal die eigene Schwesterpartei diesmal der Zusammenhalts-Kanzlerin hinzugeben. Also eine kämpferische SPD, eine brutale AfD, viele genervte Deutsche und eine CSU, die Merkel bestenfalls nur unter den Achselhöhlen kitzelt, während die zu umarmen versucht.

Kurz: Es wächst diesmal nicht zusammen, was nicht zusammengehört. Darum war dieser Wahlkampfauftakt gestern nicht gelungen. Wenn Angela Merkel wirklich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt werben will, müsste sie jetzt als Bundespräsidentin kandidieren. Sie ist aber Kanzlerkandidatin! Darum sollte sie nicht für den Zusammenhalt der Gesellschaft werben, sondern für sich und die Union!

Kommentar zu Merkel: Schwacher Start in den Wahlkampf
A. Wendler, ARD Berlin
08:32:00 Uhr, 21.11.2016

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. November 2016 um 09:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 16.12.2017, 21:29:09