Merkel in Japan: Besuch beim neuen Nachbarn

Gepostet am 06.02.2019 um 11:14 Uhr

Es ist mehr als ein Freundschaftsbesuch: Bei Merkels Reise nach Japan geht es auch um eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Und um Signale an Länder wie die USA oder China. Kristin Marie Schwietzer berichtet.

Japan. Tokio. Zwölf Flugstunden weit entfernt. Nicht gerade ein Katzensprung. Trotzdem wird der Inselstaat im Pazifik in diesen Tagen gern als der neue Nachbar ausgerufen. Wir reisen mit der Kanzlerin nach Japan. Fast 9.000 Kilometer weit an Riga und St. Petersburg vorbei, über Sibirien und die Tundra hinweg. Im hohen Bogen nach Tokio. Japan, der neue Nachbar, fühlt sich etwas im Stich gelassen. Nur fünfmal war die Kanzlerin bisher dort. Mehr als zehnmal dagegen in China. Für die Japaner ist das wichtig. Hier wird mitgezählt. Ihre Sorge: China könnte mehr Wertschätzung erfahren.

Merkel verspricht neue Impulse, lobt die Verbundenheit beider Länder. Vor deutschen Wirtschaftsvertretern in Tokio sagt sie, da sei nur ein geografisches Problem zwischen Deutschland und Japan. Gemeint ist Russland. „Da fliegen wir einfach zehn Stunden drüber hinweg. Und ansonsten sind wir ja schon fast Nachbarn.“ Doch Russland ist nicht nur ein geografisches Problem. Russland ist ein schwieriger Nachbar für Japan. Der japanische Ministerpräsident Abe bemüht sich seit langem um einen Friedensvertrag, bisher ohne Erfolg. Russland ist für seine politischen Alleingänge bekannt, auch für Deutschland kein leichter Verhandlungspartner.

Nicht nur ein Freundschaftsbesuch

Die Reise der Kanzlerin nach Japan ist nicht nur ein Freundschaftsbesuch. Es geht auch um eigene, um deutsche Interessen. Zwölf wichtige Wirtschaftsbosse reisen mit, Siemens-Chef Joe Kaeser oder BDI-Chef Dieter Kempf etwa. Der Handelskrieg zwischen den USA und China belastet deutsche und japanische Unternehmen. Das seit Februar geltende Freihandelsabkommen zwischen Japan und der EU wirkt da wie ein Befreiungsschlag. Merkel und Abe loben den Vertrag. Wohl auch ein politisches Zeichen gegen die Abschottungspolitik von Donald Trump.

Aber auch China ist ein Problem für beide Länder. China drängt mit aller Macht an die Märkte. Das macht nicht nur den Japanern zu schaffen. Auch deutsche Firmen befürchten eine chinesische Dominanz. Das Wort Huawei höre ich bei dieser Reise oft. Das Thema 5G Mobilfunknetze ist überall präsent. Schnelles Internet. Das hat sich auch die Bundesregierung auf die Fahne geschrieben. Doch die Ankündigung des chinesischen Netzwerkausrüsters Huawei, sich auch in Deutschland am Ausbau der Netze beteiligen zu wollen, sorgt für Empörung. Eine abstrakte Angst geht um. Der Verdacht: Der Telekom-Riese Huawei könnte im Auftrag der chinesischen Regierung hierzulande sensible Daten sammeln.

Schwieriges Thema Datensicherheit

Wir sind an der Keio Universität in Tokio. Es gibt eine Fragerunde. Ein Student will von der Bundeskanzlerin wissen: „Wie sehr sehen Sie China als Bedrohung?“ Merkel nutzt die Gelegenheit für eine Botschaft in Richtung Peking: „In China gehören die Daten dem Staat.“ Das Thema Datensicherheit sei schwierig. Darum müsse noch gerungen, notfalls gestritten werden. Merkel fordert verbindliche Regelungen für den Datenaustausch, einen sorgsamen Umgang mit sensiblen Daten. Es müsse sichergestellt werden, dass China in Deutschland keine Daten abgreifen kann. Die Kanzlerin spricht in Tokio auch von einem gewachsenen Globalen Anspruch der Chinesen. Im Gegenzug müsse man China künftig auch mehr in die Verantwortung nehmen, sich etwa an den Friedensprozessen in der Welt stärker zu beteiligen.

Merkel hat für sich erkannt, dass in dem großen Wirtschaftspartner auch ein starker Wettbewerber steckt. Wenn man China auf Augenhöhe begegnen will, braucht man starke Verbündete, gute Nachbarn wie die Japaner, auch wenn sie 9000 Kilometer entfernt wohnen.

Zuletzt aktualisiert: 26.04.2019, 05:56:27