Abschied eines Angeschlagenen

Gepostet am 13.12.2016 um 05:34 Uhr

Ein kraftstrotzender Präsident war Hollande nie. Aber jetzt kommt er als Angeschlagener nach Berlin. Es ist vermutlich sein letzter Besuch bei Merkel als Staatschef. Angela Ulrich blickt zurück auf ein deutsch-französisches Paar, das erst langsam zueinander fand.

Ein kraftstrotzender Präsident war François Hollande nie. Aber jetzt kommt er als Angeschlagener nach Berlin. Es ist vermutlich sein letzter Besuch bei Merkel als Staatschef. Ein Rückblick auf ein deutsch-französisches Paar, das erst langsam zueinander fand.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Eine richtig dicke Liebe war es nie. Anders als beim Vorgänger Nicolas Sarkozy gibt es nicht mal einen gemeinsamen Namen à la “Merkozy” für das Duo Merkel – Hollande. Die Kanzlerin fremdelte zunächst mit dem Sozialisten. Sie hatte eher Wahlkampf für Sarkozy gemacht. Das nimmt Hollande ihr übel. Aber dann kommen die langen Verhandlungsnächte von Minsk. Hollande erinnert sich: “Ich hatte die Gelegenheit, die Hartnäckigkeit der Kanzlerin zu bewundern. Dadurch hat sie das Abkommen zustande gebracht.”

Der französische Präsident und die deutsche Kanzlerin finden eine Sprache. Und eine Entschiedenheit, über den Friedensprozess für die Ukraine, dessen Format den Namen der französischen Normandie trägt. Ein Zeichen des Respekts von Merkel für Hollande. Sie lädt ihn dann auch in ihre Heimat ein, nach Stralsund: “Ganz besonders grüße ich den französischen Präsidenten Hollande. Und ich möchte mich bei ihm bedanken, dass er bereit war, in meine politische Heimat zu kommen und ein Stück Deutschland kennenzulernen, das ihm vielleicht noch nicht so bekannt war.”

Zusammen für Klimaschutz

Auch bei einem anderen gemeinsamen Ziel, dem Klimaschutz, ziehen Kanzlerin und Präsident an einem Strang. Merkel macht zumindest international Druck, so dass es vorangeht beim UN-Klimaabkommen. Der Abschluss in Paris ist eine Sternstunde, für Frankreich und für Deutschland. Die beiden sind wichtige Partner, wie Hollande klar machte: “Ich kann Ihnen bestätigen, dass wir gemeinsam mit der Kanzlerin alles tun, um nützlich zu sein in Europa und darüber hinaus und auch unsere beiden Länder einander näher zu bringen.”

Beide, Hollande und Merkel, ticken ähnlich, sagt die Politikwissenschaftlerin Isabelle Maras – sie sind beide keine Hektiker, im Gegenteil: “Sie haben sich entdeckt, dazu brauchte Hollande seine Zeit. Ich glaube, dass er die Langsamkeit des Entscheidungsprozesses der Kanzlerin genießt. Das entspricht mehr seiner Art. Er ist keine impulsive Person.”

Und dann sind da noch die Dramen, die Merkel und Hollande zusammenrücken lassen. Sie ist es, die nach dem Attentat auf die Karikaturisten von “Charlie Hebdo” als erste in Paris anruft. Später dann bietet sie erneut Hilfe an, nach den Attentaten in der französischen Hauptstadt oder in Nizza. Er spricht sein Beileid aus, zum Flugzeugunglück mit deutschen Opfern in den französischen Alpen.

In der Flüchtlingspolitik lässt er Merkel allein

Wo Merkel von Hollande mehr erwartet hätte, war bei ihrer Flüchtlingspolitik. Da hält sich der Präsident in Paris zunächst zurück. Er ist keine wirkliche Hilfe für die Kanzlerin bei EU-Verteilungsquoten. Hollande sitzt der rechtspopuläre Front National im Nacken und eine besorgte Bevölkerung nach den Attentaten. Beim gemeinsamen Schutz der Außengrenzen und dem EU-Türkeiabkommen steht Hollande dann wieder klarer bereit.

Heute wird es zwischen den beiden erneut um Krisen gehen. Syrien. Der Brexit. Und um Digitales. Beide sprechen bei einer großen deutsch-französischen Digitalkonferenz im Wirtschaftsministerium. Die Kanzlerin braucht Frankreich. So gebeutelt das Land selbst auch sein mag. 

Abschiedsbesuch eines Angeschlagenen: Hollande bei Merkel
A. Ulrich, ARD Berlin
18:07:00 Uhr, 12.12.2016

Zuletzt aktualisiert: 14.11.2018, 10:16:16