Politisches Speed-Dating

Gepostet am 02.12.2018 um 11:35 Uhr

Zwar konnte Kanzlerin Merkel beim G20-Gipfel alle geplanten Gespräche führen. Doch wichtige Themen wie Klima oder Handel konnte sie nicht beeinflussen, andere wurden vertagt. Von Angela Ulrich.

Zwar konnte Kanzlerin Merkel beim G20-Gipfel alle geplanten Gespräche führen. Doch wichtige Themen wie Klima oder Handel konnte sie nicht beeinflussen, andere wurden vertagt.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Ein Ecklokal in Buenos Aires, in einer Gegend mit vielen Bars und Kneipen. Hier sitzt Angela Merkel im roten Sakko, lacht viel, prostet ihrer dezimierten Delegation zu, und vor dem Restaurant herrscht Ausnahmezustand. Das örtliche Fernsehen ist da, die Polizei regelt den Verkehr.

Die Leute aus der Gegend können nicht fassen, wer bei ihnen eingekehrt ist: “Sie ist eine wunderbare Anführerin”, sagt eine Frau. “Ich bin stolz, dass sie hier essen geht, wo ich auch immer mit meinem Sohn bin.”

Polit-Gespräche als Speed-Dating

Es ist das Ende eines kurzen, aber auch langen Gipfeltages für die Kanzlerin. Sie ist verspätet zum G20 Gipfel gekommen. Aber hat dann alles im Laufschritt erledigt. Finanzminister Olaf Scholz, der im schmucklosen Pressezentrum neben der Kanzlerin steht, bringt es auf den Punkt: “Wir hatten eine etwas komplizierte Anreise. Das Ergebnis ist, dass wir viele Gespräche, die wir vorbereitet hatten, etwas in Form von Speed-Dating machen mussten.”

Über Merkels Gesicht huscht da ein Lächeln. Ihr scheint die Panne ihrer Regierungsmaschine weniger ausgemacht zu haben als dem Vizekanzler. “Naja, ich war froh, als ich hier war. Und wir haben doch in einem intensiven Zeitplan alles, was wichtig ist, noch abwickeln können.”

Beratungen zur Ukraine-Krise

Wichtig war ein Frühstück mit Wladimir Putin. Mit dem russischen Präsidenten hat die Kanzlerin vor allem um eine Deeskalation in der Ukraine gerungen. Umsonst, wie inzwischen klar ist. Vorher hatte Merkel noch gedrungen, der freie Schiffsverkehr ins Asowsche Meer zu den ukrainischen Küsten und Städten müsse gewährleistet sein. “Dazu gibt es eine vertragliche Grundlage von 2003 – die muss Russland einhalten.”

Immerhin konnten sich beide auf diplomatische Beratungen im Vierer-Format zur Ukraine-Krise verständigen. Die Gespräche sollen auf Ebene der Regierungsberater aus Russland, der Ukraine, Deutschland und Frankreich geführt werden. Wichtig waren auch Treffen mit dem indischen Präsidenten Narendra Modi und Chinas Präsidenten Xi Jinping.

Wenig Verbindliches bei Treffen mit Trump

Im Veranstaltungszentrum Costa Salguero werden derweil immer wieder hektisch Fahnen von einem Presseraum in den anderen geschleppt. Die Halle hat den Charakter eines Flugzeughangars. Trotzdem soll es intim wirken.

Der Raum für den Kurz-Austausch der Kanzlerin mit Donald Trump ist eng. Journalisten werden gescheucht, schnell, schnell, bitte aufreihen hinter einem Absperrband – links die deutschen, rechts die US-Kollegen. Trump lobt Merkel dann wie gewohnt überschwänglich: “Sie ist meine Freundin, wir haben ein großartiges Verhältnis. Wir sprechen über Handel, über Verteidigung. Sie wird von allen sehr respektiert, von mir auch – es ist eine Ehre, Angela, danke.” Merkel versinkt dabei fast in ihrem breiten Sessel.

Am Ende wird auch bei diesem Treffen wenig Konkretes herauskommen. In der Klimapolitik kann die Kanzlerin Trump nicht in den Kreis der G20 zurückholen. Doch beim US-Handelskrieg mit China sieht es nach einem Gespräch Trumps mit Chinas Präsidenten Xi zumindest nach etwas Entspannung aus – das ist auch gut für Europa.

Dank von Gastgeber Macri

Dass Merkel für dieses Speed-Dating beim Gipfel überhaupt noch nach Buenos Aires gekommen ist, nach ihrer Flugzeugpanne, rechnet ihr Argentiniens Präsident Mauricio Macri hoch an: “Frau Merkel musste eine Notlandung machen. Und trotzdem ist sie hergeflogen. Um wenigstens noch am letzten Gipfeltag dabei zu sein. Das zeigt, wie gern sie die Argentinier hat.”

Die Kanzlerin selbst will ihren Einfluss nicht zu hoch hängen: “Es ist jede Stimme wichtig, die sich für die multilateralen Zusammenhänge einsetzt, weil es hier sehr viele gibt, die das wollen, und es vielleicht auch schätzen, dass Deutschland zu diesen Stimmen dazu gehört.”

Nach einer lahmen Ente sieht die Kanzlerin auf diesem G20- Gipfel nicht aus. Im Gegenteil – Merkel wirkt fast aufgekratzt. Vielleicht weil sie international Einfluss hat, der ihr zuhause immer mehr abhanden kommt. Und am Ende hat sie auch noch Glück bei ihrer Rückreise: Dafür steht auf dem Flughafen von Buenos Aires wieder eine Regierungsmaschine für die Kanzlerin bereit.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 02. Dezember 2018 um 09:05 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 11.12.2018, 21:53:48