So könnten wir das schaffen

Gepostet am 11.03.2020 um 17:08 Uhr

Keine emotionalen Appelle, kein „Wir schaffen das“. Kanzlerin Merkel hat in der Corona-Krise unemotional und pragmatisch reagiert – und damit richtig und angemessen, meint Angela Ulrich.

Keine emotionalen Appelle, kein „Wir schaffen das“. Kanzlerin Merkel hat in der Corona-Krise unemotional und pragmatisch reagiert – und damit richtig und angemessen.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Nein, sie hat nicht gesagt: „Wir schaffen das!“. Diesen Flüchtlingskrisen-belasteten Ausruf hat sich Angela Merkel gespart, bei ihrem ersten echten Auftritt zum Umgang mit dem Coronavirus. Aber sie hat eine andere Botschaft mitgebracht, und die ist für die pragmatische, sonst völlig unemotionale Kanzlerin nicht gerade gewöhnlich: Von Solidarität, Vernunft und „unserem Herz füreinander“ hat Merkel gesprochen – das sieht sie auf die Probe gestellt. „Und ich wünsche mir, dass wir diese Probe auch bestehen.“

Kein Befreiungsschlag – wie auch?

Das war kein Befreiungsschlag zum Virus. Wie sollte es auch einer werden? Das geht nicht bei einer Pandemie, die gerade erst richtig ins Rollen kommt in Deutschland. Merkel hat das Wort ergriffen, weil sie sich europäisch abgestimmt hat, weil sie Besonnenheit verbreiten will, aber die Lage auch nicht schönreden.

Das Virus ist da, sagt die Kanzlerin, und spricht von einer „Notsituation“ in Deutschland. Manchmal scheint gar die Naturwissenschaftlerin durch, die sich tatsächlich interessiert für Viren, Ansteckungen, Infektionsverläufe.

Mit dem Widerborst an ihrer Seite

Kein „Wir schaffen das“ also, wie 2015. Auch kein: „Ihre Einlagen sind sicher“, die Botschaft während der Finanzkrise an verunsicherte Sparerinnen und Sparer. Aber – ähnlich wie 2008 mit Peer Steinbrück hat sich Merkel auch jetzt einen versierten Fachminister an ihre Seite geholt. Glaubten die Deutschen damals dem Finanzminister, dass das schon klar geht mit ihrem Sparbuch, ist es diesmal Jens Spahn, der zur Hochform aufläuft.

Der junge Gesundheitsminister, häufig Widerborst gegen die Kanzlerin, ist jetzt Merkels Glück. Einer, der ebenfalls Ruhe bewahrt, und auch, aber nicht nur auf staatliche Verbote setzt. Sondern ohne Angst appelliert an die Bürger, sich den Clubbesuch, die Kinovorstellung und die Reise zur Oma eben mal zu verkneifen.

Das ganz große Durchgreifen gegen Corona kann nicht kommen, weder von Merkel noch von Jens Spahn, in einem föderal organisierten Deutschland. Aber das ist auch nicht nötig. Dass die Kanzlerin und ihr Gesundheitsminister kleine Schritte vorschlagen, jeden Tag einen mehr, macht sie nicht schwach, sondern realistisch – transparent und überlegt. So könnten wir das schaffen. Und das muss einem nicht mal eine Kanzlerin sagen.

Kommentar: Merkel und das Virus – so könnten wir das schaffen
Angela Ulrich, ARD Berlin
16:21:00 Uhr, 11.03.2020

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. März 2020 um 15:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 05.04.2020, 21:40:19