Besuch in einer gespaltenen Stadt

Gepostet am 17.11.2018 um 06:57 Uhr

Kanzlerin Merkel hat bei ihrem Besuch in Chemnitz die Bürger aufgefordert, gegen rechtsextremes Gedankengut aufzustehen. In Gesprächen mit den Bürgern erntete sie viel Lob – aber auch Unverständnis und Kritik. Von Angela Ulrich.

Kanzlerin Merkel hat bei ihrem Besuch in Chemnitz die Bürger aufgefordert, gegen rechtsextremes Gedankengut aufzustehen. In Gesprächen mit den Bürgern erntete sie viel Lob – aber auch Unverständnis und Kritik.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Robert ist 17, und auf seiner Haut spiegeln sich ein paar Schweißtropfen. Das Basketballtraining bei den „Niners“ ist schon eine Weile her – der Schweiß ist eher der Aufregung danach geschuldet. Robert und seine Team-Kollegen von der Jugendmannschaft des Chemnitzer Zweitligisten haben mit der Kanzlerin zusammengesessen, eine gute Stunde lang, im Kreis, auf hölzernen Turnhallenbänken.

„Das war ein einmaliges Erlebnis, die Kanzlerin zu treffen. Das hat nicht jeder. Das war ein lockerer Abschluss“, sagt Robert und grinst. „Also ich nehme auf jeden Fall ein gutes Gefühl mit!“ Und auch Teamkollege Dominic, 15, ist zufrieden. „Ich habe das als riesengroße Ehre empfunden, dass man neben ihr sitzt. Dass sie uns Fragen stellt und wir ihr Fragen stellen konnten. Ich finde es auch schön, dass drumherum bis jetzt nicht viel passiert ist, nichts Schlimmes. Das zeigt doch: Chemnitz ist eine tolle Stadt.“

Rauer Ton im Bürgergespräch

Bei den jungen Basketballern hatte die Kanzlerin eine Art Heimspiel. Danach mit rund 120 Bürgern – Leserinnen und Lesern der Chemnitzer „Freien Presse“ – geht es rauer zu. „Warum haben Sie das zugelassen, da war Chaos in Deutschland“, schleudert ihr eine blonde Frau wütend entgegen. Sie meint die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. „Und als Sie dann auch noch gesagt habe, Sie hätten nichts falsch gemacht!“ Da sei sie richtig enttäuscht gewesen.

Angela Merkel hebt in diesem Moment etwas hilflos die Arme. Diese Vorwürfe kennt sie. Dass der Satz nicht gelungen war, das sei ihr schon kurz danach klar gewesen. „Damit meinte ich meinen Wahlkampf, nicht die Flüchtlingspolitik“, versucht Merkel zu erklären.

Aber solche Nuancen nimmt hier kaum jemand wahr. Manche Chemnitzer erwarten eine Art Entschuldigung der Kanzlerin für ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik. Doch Merkel begründet stattdessen erneut ihr „Wir schaffen das!“ von 2015. „Das war richtig, und außerdem: Soll ich als Kanzlerin etwa sagen: Wir schaffen das nicht?“

Merkel stellt sich Bürgerfragen in Chemnitz
tagesschau24 23:31:00 Uhr, 16.11.2018

Hauptanliegen Migrationspolitik

Es ist eine dichte Diskussion mit ausgewählten Chemnitzer Bürgern. Manche loben Merkel überschwänglich. Andere beklagen sich über Untätigkeit bei der Pflege oder über angebliche Inkompetenz einzelner Ministerinnen und Minister. Die Migrationspolitik ist ihr Hauptanliegen – das und die Lage in der Stadt.

Die Kanzlerin will den Chemnitzern vor allem Mut machen. „Stehen Sie auf gegen rechtsextreme Gesinnung!“, fordert Merkel die Bürger auf. Meinungsfreiheit ja, aber für Nazi-Symbole gebe es keine Rechtfertigung. Dass das Gefühl der Sicherheit für manche in Chemnitz verloren gegangen sei, bedrücke sie. Zu viele hier fühlten sich wie „Bürger zweiter Klasse“, wirft ein Fragesteller ein. Da wird Merkel erst nachdenklich, und dann entschieden: „Sie sind doch kreativ, und reden eh mehr als wir im Norden. Sie haben allen Grund, stolz darauf zu sein, was Sie ausmacht“, ermuntert die Kanzlerin.

Buhruhe durch Backsteinwände

Während sie spricht, dringen immer wieder Buhrufe durch die Backsteinwände. Merkel zuckt nicht mit der Wimper. Draußen vor der Halle sind Demonstranten des rechten Bündnisses „Pro Chemnitz“ aufgezogen. Sie treffen sich jeden Freitag in der Stadt, Diesmal sind sie von ihrem gewöhnlichen Versammlungsort vor dem Karl-Marx-Kopf ein paar Hundert Meter weiter marschiert, bis in Merkels Nähe. Die Halle „Hartmann-Fabrik“ ist zwar abgesperrt, aber drinnen ist der Protest doch gedämpft zu hören. „Merkel muss weg“ und „Volksverräter“.

Friedliche Demonstration

Am Ende spricht die Polizei von rund 2500 Demonstranten. Es ist friedlich geblieben – kein Ausnahmezustand in Chemnitz. Was sie den Demonstranten sagen würde, wird Merkel in der Halle gefragt. Da zieht sie die Augenbrauen hoch. „Wer wirklich mit mir reden will, der soll die Gelegenheit dazu bekommen. Aber wer nicht reden will, zu dem kann ich nicht gehen“, antwortet sie. Und dass es bei diesem Protest darum gehe, andere zum Schweigen zu bringen. Das geht so nicht, sagt die Kanzlerin.   

„Sie hat zugehört, sie ist kaum ausgewichen“, erklären Teilnehmer danach. „Sie blieb vage, hat keine Lösungen“, meinen andere. „Mir hat das viel gebracht“, lobt Merkel. Demokratie brauche eine Mitte, und der Weg dahin sei das Gespräch, so hat es „Freie Presse“-Chefredakteur Thorsten Kleditzsch zum Auftakt der Runde formuliert. Angela Merkel hat dieses Gespräch spät gesucht. Aber nicht zu spät.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. November 2018 um 06:25 Uhr. Zudem berichteten die tagesthemen über dieses Thema am 16. November 2018 um 23:05 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 17.11.2019, 12:57:29