Martin Ganslmeier: „Ich komme nicht mit fertigen Rezepten“

Gepostet am 16.04.2020 um 14:38 Uhr

Seit März 2020 gehört Martin Ganslmeier als Leiter der Radio-Gemeinschaftsredaktion und crossmedialer Koordinator zum Team des ARD-Hauptstadtstudios. Im Interview spricht er über seine Vorhaben.

Improvisiertes Hörfunkstudio in der Garderobe der Abstellkammer, Redaktionskonferenzen mit Abstand, ein Virus, das die Berichterstattung maßgeblich bestimmt: Mitten in der Coronavirus-Pandemie sind Sie zum Team im ARD-Hauptstadtstudio dazugestoßen. Wie war Ihr etwas ungewöhnlicher Arbeitsstart?

Martin Ganslmeier: Die erste Woche verlief noch relativ normal. Ich konnte mich bei vielen Kolleginnen und Kollegen persönlich vorstellen, obwohl wir wegen des Coronavirus schon auf den Handschlag verzichtet haben. Dann aber haben wir die Gemeinschaftsredaktion Radio personell an die aktuelle Situation angepasst und arbeiten seither in zwei Teams, die im Wechsel aus dem ARD-Hauptstadtstudio berichten. Mich hat sehr beeindruckt, wie schnell alle mit der außergewöhnlichen Situation klargekommen sind und mit welch großem Engagement alle dazu beitragen, dass die ARD-Programme weiter viele gute Beiträge aus dem ARD-Hauptstadtstudio bekommen. Dennoch: meinen Start im HSB hatte ich mir natürlich anders vorgestellt. Persönliche Gespräche werde ich nachholen, sobald dies die Corona-Entwicklung erlaubt.

Leiter der Radio-Gemeinschaftsredaktion und crossmedialer Koordinator. Das klingt nach zwei unterschiedlichen Arbeitsbereichen. Wie sehen konkret Ihre Aufgaben aus?

Martin Ganslmeier: Das sind zwei Arbeitsbereiche, die aber die gleiche Zielrichtung haben: Die ARD muss ihre traditionellen Stärken in Hörfunk und Fernsehen beibehalten und gleichzeitig im Netz und auf den Social-Media-Kanälen besser werden. Doch die Zeiten, in denen man dies mit zusätzlichen Budgets und mehr Personal umsetzen konnte, die sind vorbei. Deshalb müssen nicht nur die früher getrennten Gruppenstudios im Hörfunk zusammenwachsen, sondern auch Fernsehen und Hörfunk enger zusammenarbeiten und gemeinsam Online und Social Media stärker in ihre Planungen einbeziehen. Nur so lassen sich Freiräume schaffen, um unsere Angebote im Netz besser bedienen zu können.

Stichwort Crossmedialität: Wo sehen Sie die Chancen und Herausforderungen auf dem Weg dorthin?

Martin Ganslmeier: Ich bin nach den ersten Wochen richtig begeistert, wie viel in der Gemeinschaftsredaktion Radio im ARD-Hauptstadtstudio schon erreicht worden ist. Ebenso toll finde ich den engen Informationsaustausch zwischen Korrespondent*innen im Hörfunk und Fernsehen. Und dann gibt es ja seit Anfang dieses Jahres auch ein gemeinsames Produkt, den sehr erfolgreich gestarteten Podcast „mal angenommen“. An den Recherchen und an der Umsetzung sind Hörfunk- und Fernsehkorrespondent*innen beteiligt. Auch die “ARD Media Lounge” im ARD-Hauptstadtstudio bietet gute Möglichkeiten, um Online- und Social Media-Angebote der ARD künftig noch besser beliefern zu können. Crossmedialität bedeutet meiner Überzeugung nach nicht die „eierlegende Wollmilchsau“, die alle Medien gleichzeitig bedienen muss. Eine gewisse Spezialisierung wird es immer geben. Aber Online muss künftig immer mitgedacht, mitgeplant und bedient werden.

Von Washington nach Berlin, von der Berichterstattung über die US-amerikanische Politik zur bundespolitischen Berichterstattung in Deutschland. Ist die Umstellung groß?

Martin Ganslmeier: Ja, sehr groß! Ich bin erst im Februar nach sieben Jahren in den USA nach Deutschland zurückgekehrt. Die vergangenen fünf Jahre war ich Leiter des ARD-Hörfunkstudios in Washington. In den USA habe ich nicht nur über Politik, sondern auch über Land und Leute, Sport, Kultur, Wirtschaft und vieles mehr berichtet habe. Das Themenfeld der bundespolitischen Berichterstattung ist enger, dafür geht es mehr in die Tiefe und ins Detail. Und noch ein großer Unterschied: In Washington bekommt man nur wenige exklusive Informationen von Politiker*innen oder Ministerien. Ausländische Korrespondent*innen stehen in der Informationskette deutlich hinter den US-Medien und den regionalen Medien aus den Wahlkreisen.

Geben Sie uns einen kleinen Ausblick: Was haben Sie sich für Ihre Arbeit im ARD-Hauptstadtstudio vorgenommen?

Martin Ganslmeier: Erstmal will ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen sprechen, viel beobachten und gute Ideen sammeln. Ich komme nicht mit fertigen Rezepten. Umso mehr freue ich mich, wenn dies nicht mehr nur telefonisch möglich ist, sondern irgendwann auch wieder im persönlichen Gespräch.

Zuletzt aktualisiert: 06.06.2020, 20:28:58