Die Marine sucht ihren Kurs

Gepostet am 26.09.2019 um 10:42 Uhr

Die Erwartungen an die Marine steigen. Doch ihr fehlen Schiffe und Personal. Wie die neue Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer damit umgeht, könnte ihr Antrittsbesuch zeigen. Von Christoph Prössl.

Die Erwartungen an die Marine steigen. Doch ihr fehlen Schiffe und Personal. Wie die neue Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer damit umgeht, könnte ihr heutiger Antrittsbesuch zeigen.

Von Christoph Prössl, NDR

Wie lähmend Bürokratie sein kann, erfuhren die Inspekteure der Teilstreitkräfte der Bundeswehr vor ein paar Wochen. Sie trugen Vorschriften zusammen, die aus ihrer Sicht verzichtbar sind. Entbürokratisierung im Schnelldurchlauf sollte es sein, ein Testballon. Mehr als 100 unnötige Vorschriften machten die Offiziere aus und reichten sie in die Verwaltung zur Prüfung. Die kam zu einem ganz anderen Schluss: Eine einstellige Zahl könne man abschaffen. Mehr nicht. Die eigene Bürokratie kassierte die Vorschläge. Eine ernüchternde Bilanz.

„Hier müssen wir besser werden und müssen auch insgesamt mutiger werden“, sagte der Inspekteur der Marine, also der oberste Marine-Soldat, Andreas Krause. Es gibt viel zu tun in der Marine. Nicht nur bei der Bürokratie. Einsätze im Mittelmeer, NATO-Manöver, dazu kommen Ausbildungsfahrten.

Neue Schiffe erst in den nächsten Jahren

Knapp die Hälfte der 46 Schiffe war im September auf See. Aber das führe in Verbindung mit zu lange dauernden Instandsetzungen dazu, „dass die Zahl derzeit nicht ausreicht, um operative Reserven zu haben. Und nur eine solche operative Reserve kann ich in einen Einsatz schicken“, sagte Krause im Interview mit NDR Info. An einem europäischen Einsatz zur Sicherung der Seewege in der Straße von Hormus im Persischen Golf könnte sich die Bundeswehr nur beteiligen, wenn die Marine ein Schiff aus einem anderen Einsatz abzöge.

Erst in den kommenden Jahren wird die Marine drei weitere Fregatten in Dienst stellen können und fünf zusätzliche Korvetten. Es dauert, bis Beschaffungen bei der Truppe ankommen. Außerdem soll die Marine personell wachsen: knapp 15.000 Dienstposten bis 2025. Doch das ist gar nicht so einfach. Auf Anfrage des NDR teilte ein Sprecher mit, derzeit gebe es ein Personalfehl von etwa elf Prozent – 13.800 Stellen für Soldatinnen und Soldaten sind derzeit vorgesehen.

Inspekteur fordert Stärkung des Marinearsenals

Der Inspekteur der Marine versucht, die Einsatzbereitschaft zu verbessern und fordert die Stärkung des Marinearsenals in Wilhelmshaven und in Kiel. Dort werden vor allem Waffensysteme repariert und geprüft. „Wenn wir länger- bis mittelfristig gucken, dann müssen wir das Marinearsenal wieder stärken“, sagt Krause. „Auch das Marinearsenal hat in den vergangenen Jahrzehnten erheblich darunter gelitten, dass Personal abgebaut worden ist. Da sind Expertisen verloren gegangen, wir haben das Marinearsenal quasi geschlossen.“

Das Marinearsenal ist nicht der Marine unterstellt. sondern der Beschaffungsbehörde der Bundeswehr, dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) in Koblenz. Die Einrichtung ist seit Jahren in der Kritik. Verteidigungspolitiker rügen überbordende Bürokratie und Personalmangel.

Kramp-Karrenbauer leitet erste Veränderungen ein

Die ehemalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wollte Strukturen verändern. Einen in Auftrag gegebenen Bericht nimmt die Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer nun zum Anlass, kleinere Veränderungen im Beschaffungsamt vorzunehmen. Es handelt sich um keine Revolution. Offenbar will die neue Verteidigungsministerin nicht schon wieder Strukturen aufbrechen, die erst vor ein paar Jahren beschlossen worden waren.

Krause befürwortet das, wünscht sich aber Teams aus Industrie, Beschaffungsamt und Marine, die schneller gemeinsam entscheiden könnten. Auch der Deutsche Bundeswehrverband ist dafür: „Die Schiffe und Boote unserer Marine werden an der Küste gebaut und instandgehalten“, sagt Marco Thiele. „Deswegen ist es zwingend notwendig aus meiner Sicht, dass die Projektteams, Projektoffiziere dort stationiert sind, dass sie dort direkt ansprechbar sind.“

Und nicht in Koblenz am Hauptsitz des Beschaffungsamtes. Ob die neue Verteidigungsministerin heute bei ihrem Antrittsbesuch von allen Problemen zu hören bekommt ist offen, Gesprächsstoff gäbe es genug.

Zuletzt aktualisiert: 23.10.2019, 23:54:44