Zwei Dörfer hoffen auf Hilfe

Gepostet am 04.02.2018 um 02:35 Uhr

Nach der Bundestagswahl hat die Politik die ländlichen, strukturschwachen Regionen wiederentdeckt. Julia Krittian besuchte zwei Dörfer in Sachsen-Anhalt, die auf mehr Unterstützung aus Berlin warten.

Nach der Bundestagswahl hat die Politik die ländlichen, strukturschwachen Regionen wiederentdeckt. Julia Krittian besuchte zwei Dörfer in Sachsen-Anhalt, die auf mehr Unterstützung aus Berlin warten.

Von Julia Krittian, ARD-Hauptstadtstudio

Das absolute Halteverbot steht noch – Auffahrt für Rettungswagen! Doch seit knapp fünf Monaten gibt es hier kein Blaulicht mehr. Statt dessen prangt ein dickes Vorhängeschloss am Tor zum Krankenhaus von Genthin im nördlichen Sachsen-Anhalt.

150 Jahre lang gab es in der Kleinstadt eine Klinik, zuletzt mit 35 Betten, Diabeteszentrum und modernem Computertomograf. Nicht profitabel, argumentierte der Betreiber, die Johanniter. Die Klinik wird abgewickelt.

30 Kilometer Weg im Notfall

Zur nächsten Rettungsstelle müssen die 15.000 Genthiner nun mindestens 30 Kilometer fahren. Das sorgt für Angst in der Stadt. Auf dem Marktplatz stehen die älteren Bewohner zusammen. Manfred Baier etwa wohnt seit 45 Jahren in Genthin.

Er habe die Stadt in Blüte gesehen, erzählt der Rentner. Doch nun sterbe sie langsam dahin. „Wie sollen das denn Menschen machen, die chronisch krank sind und kein Auto haben?“, fragt er. „Lass mal einen ein Herzinfarkt kriegen, dann kann die schwarze Kiste gleich hinterdranbaumeln.“

Bürgermeister als „Krisenverwalter“

Was zynisch klingt, ist statistische Realität. Laut aktuellem Raumordnungsbericht der Bundesregierung sterben in Sachsen-Anhalt mehr als doppelt so viele Menschen nach einem Herzinfarkt wie in Berlin oder Hamburg.

Emotional sei die Schließung kaum einzufangen, meint Bürgermeister Thomas Barz – wie er sagt, der „Krisenverwalter“ von Genthin. Er konstatiert in den letzten Jahren eine wachsende Politikverdrossenheit.

Die komme aus den Kommunen, aus der ganz konkreten Alltagserfahrung der Menschen. „Die Leute hier wollen einfach Sicherheit haben“, sagt er. „Und ich glaube, die Themen wie innere Sicherheit und Gesundheit sollten auch wieder viel stärker besetzt werden.“

Metropolen wachsen – die kleinen Städte schrumpfen

35.000 Dörfer und Kleinstädte wie Genthin gibt es in Deutschland. Mehr als die Hälfte der Deutschen wohnt auf dem Land. Doch das dürfte sich dramatisch ändern. Frankfurt am Main etwa soll bis 2030 um 17 Prozent wachsen, Berlin um 7,5 Prozent – Genthin hingegen schrumpft nach aktuellen Prognosen um 21 Prozent.

Zu Besuch bei den Parkspatzen will man das kaum glauben. Für 180.000 Euro wird die Kita gerade gründlich saniert. Neue Bäder, neue Böden – und dazwischen wuseln Kinder. Bisher hat Bürgermeister Barz alle neun Kitas von Genthin halten können.

Frische Luft und günstige Mieten

Der CDU-Politiker setzt auf Zuwanderung und maximale Attraktivität seiner Gemeinde. Er argumentiert mit frischer Luft, schönen Landschaften, Mieten ab vier Euro pro Quadratmeter und mit guter Infrastruktur.

Dazu gehört für den gelernten Informatiker ganz klar der Breitbandausbau. Seit Jahren ist Genthin flächendeckend angeschlossen. Das hat sich bereits ausgezahlt. Zum Beispiel am Chemiepark: Schon zu DDR-Zeiten wurde in Genthin Waschmittel hergestellt, mittlerweile haben sich mehrere internationale Konzerne angesiedelt. Produktion, Lieferung, Kundenbetreuung – alles läuft digital. Die Unternehmen expandieren kräftig: Bis zu 80 Chemiker werden in den nächsten ein bis zwei Jahren gesucht.

Reise in die digitale Vergangenheit

Wir fahren auf die andere Seite der Elbe. Gerade einmal 18 Kilometer trennen Genthin von Tangerhütte. Es scheint eine Reise in die digitale Vergangenheit. Dabei produziert die Firma von Thomas Krone Gitter für Industrieroboter.

Seine Aufträge erhält er übers Internet – und genau das ist das Problem: Die weltweiten Kunden schicken 3D-Konstruktionspläne. Doch die kann Krone nur vormittags öffnen – wenn er Glück hat. „Ab 13, 14 Uhr gehen die Downloadraten in den Keller“, sagt Krone, „weil dann ganzen Schüler ihre Filme streamen oder online Computerspiele machen.“

Dann fahre er mit dem USB-Stick in die nächste Stadt, ärgert er sich. „Das ist so frustrierend, dass wir halt schon mal überlegt haben wegzugehen, den Standort zu verlassen. Aber da die Firma jetzt schon 95 Jahre hier existiert, von meinem Opa gegründet, wäre das natürlich die letzte Option, die wir ziehen wollen.“

Kupfer statt Glasfaser

Die Region hat einen Zweckverband für Glasfaserkabel gegründet. Über 60 Millionen Euro Fördermittel sind bereits genehmigt. Doch das Projekt zieht sich. Nun verlegt die Telekom auf Tangerhüttes Straßen veraltete Kupfertechnik – für den Bürgermeister von Tangerhütte ein Schildbürgerstreich.

Auch Andreas Brohm ist zutiefst frustriert: „Gerade, weil wir schon die Zukunftslösung in der Tasche haben und bauen könnten.“ Die Maßgaben und Vorgaben des Bundes verhinderten die Umsetzung. „Das ist ein großes Problem“, sagt Brohm, „an dem der Breitbandausbau, der richtige Breitbandausbau mit Glasfaser, in Deutschland scheitern könnte“.

Digital betrachtet ist Deutschland im weltweiten Vergleich ohnehin nur noch Mittelmaß. Maximal zwei Prozent aller Haushalte in Deutschland verfügen über einen Glasfaseranschluss – und dann gleich das kleine Tangerhütte?

Verspielt Deutschland seine Zukunft?

Für den parteilosen Andreas Brohm ist das die falsche Frage. Er sieht eine große Zukunft für den ländlichen Raum, wenn es gelinge, den „Luxus der Leere“ mit dem Laptop zu verbinden. „Warum in der Großstadt auf Hochhauswände starren, wenn man genauso mit Blick auf die Elbe arbeiten könnte“, fragt Brohm – wenn denn Internet da wäre!

Von der Politik fühlt er sich allein gelassen. Die Kommunen säßen bei Verhandlungen ohnehin nie mit am Tisch. So aber verspiele Deutschland seine Zukunft: für die Stadt ebenso wie für den ländlichen Raum.

Zuletzt aktualisiert: 02.12.2020, 01:23:49