Distanzierter Respekt aus Berlin

Gepostet am 28.11.2016 um 21:12 Uhr

Wie gedenkt man einem, der als Diktator gilt, dessen Land sich aber gleichzeitig öffnet? Vor diesem Dilemma steht die Bundesregierung im Fall des Todes von Fidel Castro. Die Lösung: Altkanzler Schröder soll Deutschland vertreten. Von M. Mair.

Wie gedenkt man einem, der als Diktator gilt, dessen Land sich aber gleichzeitig öffnet? Vor diesem Dilemma steht die Bundesregierung im Fall des Todes von Fidel Castro. Die Lösung: Altkanzler Schröder soll Deutschland vertreten.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

Der Altkanzler unterwegs in offizieller Mission: Gerhard Schröder werde Deutschland bei der Trauerfeier für Fidel Castro vertreten, bestätigte sein Büro dem ARD-Hauptstadtstudio. Am Montag sei Schröder nach Kuba aufgebrochen. Warum? Dazu schweigt die Bundesregierung zunächst. Überhaupt reagierte sie erst auf Nachfrage auf den Tod des kubanischen Revolutionsführers. Regierungssprecher Steffen Seibert nannte Castro eine höchst widersprüchliche Gestalt: “Seine Revolution sollte Kuba ja wahre Unabhängigkeit geben. Aber sie hat die Insel und die Bewohner der Insel auf Jahrzehnte an ein System der politischen Unterdrückung gebunden.”

Zwischen den Zeilen ist hier ein Dilemma zu hören: Die Frage, wie man eine Person wie Fidel Castro würdigt. Einen umstritten Revolutionär mit diktatorischen Zügen.

Die Bundesregierung hat sich dagegen entschieden, dass ein aktiver Spitzenpolitiker an der Trauerfeier teilnimmt. Dass nun Altkanzler Schröder nach Kuba fliegt, ist die Antwort auf einen Spagat: zwischen Distanz einerseits und Respekt andererseits. Regierungssprecher Seibert beschreibt das Verhältnis beider Länder wie folgt: “Deutschland ist den Kubanern in Freundschaft verbunden und ist unverändert bereit, Kuba auf dem Weg zu Freiheit und Rechtsstaatlichkeit zu unterstützen.”

Geste an Raúl Castro

Und so ist die Teilnahme Schröders an der Beerdigung Fidel Castros wohl auch eine Geste an Raúl Castro. Der derzeitige kubanische Regierungschef, Bruder des verstorbenen Revolutionsführers, hatte sein Land in Richtung Westen geöffnet. Im Juli vergangenen Jahres besuchte mit Frank-Walter Steinmeier erstmals ein bundesdeutscher Außenminister den Karibikstaat. Der SPD-Politiker erklärte damals, er betrete mit seinem Besuch diplomatisches Neuland: “Und insofern ist das eine Gelegenheit zu prüfen, wo wir stehen nach all den Jahren, die hinter uns liegen. Jahre der Entfremdung, der Sprachlosigkeit, tiefer und gefährlicher Konflikte, die wir mit Kuba hinter uns haben und die diese Sprachlosigkeit eingeleitet haben.”

Ein Zeichen, das auch der Wirtschaftsminister setzen wollte. Anfang des Jahres besuchte Sigmar Gabriel Kuba mit einer großen Wirtschaftsdelegation. Die Eiszeit scheint vorüber, doch es gibt weiterhin große Differenzen – etwa bei den Menschenrechten und der Meinungsfreiheit.

Und so reicht es noch nicht für einen offiziellen Staatsbesuch eines aktiven Spitzenpolitikers bei der Trauerfeier – diesen Job übernimmt mit dem Altkanzler aber immerhin ein Mann, der Kuba kennt. Schon als Ministerpräsident von Niedersachsen traf sich Schröder in den 90er-Jahren mit Castro. Und schwärmte danach von dessen Geschmack für gute Zigarren.

In heikler Mission: Altkanzler Schröder bei Trauerfeier für Fidel Castro
M. Mair, ARD Berlin
20:34:00 Uhr, 28.11.2016

Zuletzt aktualisiert: 16.12.2017, 00:16:08