Kramp-Karrenbauer rettet sich selbst

Gepostet am 22.11.2019 um 16:22 Uhr

Die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer hat auf dem Bundesparteitag alle überrascht. Zunächst hat sie die Delegierten in den Schlaf geredet, dann aber klar die Vertrauensfrage gestellt. Damit hat sie sich gerettet, die Partei aber noch nicht. Ein Kommentar von Sabine Henkel.

War das der Mut der Verzweiflung?

Also eines muss man Annegret Kramp-Karrenbauer lassen: Sie versteht es zu überraschen. 70 Minuten lang redet sie die Delegierten in den Schlaf: sagt dieses, streift jenes und mäandert durch einen Themen-Urwald, dass jede die Orientierung verlieren muss. Aber dann das: Sie stellt die AKK-Frage. Nicht die K-Frage, die AKK-Frage – die Vertrauensfrage.

Sie will wissen, ob die Delegierten zu ihr stehen: Wollt ihr mich so wie ich hier stehe? Wenn nicht, sagt sie, dann beenden wir es! Rumms, der Saal steht Kopf. Nicht eine einzige Sekunde lang, sieht es danach aus, dass diese Partei ihre Vorsitzende stürzen will. Was für ein Schachzug! Oder war das der Mut der Verzweiflung? Vielleicht, aber es hat funktioniert.

Kramp-Karrenbauers Mut verdient Respekt. Alles oder nichts. Die Antwort war umwerfend: Die Delegierten applaudieren minutenlang. Mehr nonverbale Unterstützung geht nicht.

Die personalisierte Illoyalität

Und Merz? Der Stören-Friederich ganz klein mit Hut. Seinen Worten muss eine Gehrinwäsche vorangegangen sein. Er lobt nicht nur Kramp-Karrenbauer, sondern auch die Regierung Merkel, die er vor zwei Wochen noch als grottenschlecht bezeichnet hat. Und nicht nur das, Merz bezichtigt die SPD-Genossen illoyal zu sein und sagt wörtlich: Achtung festhalten: „Wir in der CDU sind loyal“. Sprach Merz, die personalisierte Illoyalität.

Der Parteitag hätte ihn in den Ruhestand schicken sollen. Aber die CDU wäre nicht die CDU, wenn nicht auch er brav Applaus bekommen würde. Denn damit haben sie es wieder: Das Signal der Geschlossenheit – das Mantra der Partei in all den Merkel-Jahren.

Stark ist diese CDU derzeit nicht

Und nun? Die Partei übt sich darin eins zu sein. Ist das glaubwürdig, kann das von Dauer sein? Die Werte-Union will ja immer noch nach rechts und die Union der Mitte in der Mitte bleiben. Da wo die CDU als Volkspartei auch hingehört. Denn mit einem Rechtsruck würde sie die Mitte aufgeben. Die SPD reibt sich schon die Hände. Kramp-Karrenbauer will eine starke CDU der Mitte.

Stark! Na dann: Ärmel hochkrempeln und an die Arbeit. Stark ist diese CDU derzeit nämlich nicht. Sie hat sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit Merkels Dämmerung und Kramp-Karrenbauers Fehlstart. Die Parteichefin hat sich heute selbst gerettet, die Partei aber nicht. Sie hat über alles und nichts geredet, einen inhaltlichen Aufbruch aber vermissen lassen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Ein Kommentar von Sabine Henkel

Zuletzt aktualisiert: 15.12.2019, 01:02:48