Sprachlich läuft einiges schief

Gepostet am 06.03.2020 um 17:20 Uhr

Im Zusammenhang mit den Flüchtlingen an der griechisch-türkischen Grenze müssen nicht nur Politiker vorsichtiger mit der Sprache umgehen, meint Uwe Lueb. Zu leicht entstehen sonst falsche Bilder im Kopf – gewollt oder ungewollt.

Im Zusammenhang mit den Flüchtlingen an der griechisch-türkischen Grenze müssen nicht nur Politiker vorsichtiger mit der Sprache umgehen. Zu leicht entstehen sonst falsche Bilder im Kopf – gewollt oder ungewollt.

Ein Kommentar von Uwe Lueb, ARD-Hauptstadtstudio

Sprache beeinflusst unser Denken. Politikerinnen und Politiker wissen das – spätestens seit Victor Klemperers Buch „LTI“ über die Sprache der Nazis. Jahrelang hat Klemperer von 1933 an beobachtet, wie sie zur Alltagssprache der Menschen wurde. Es war letztlich eine Art kollektiven „Mindsettings“, des Einflusses darauf, wie Menschen denken. So können sich Ideologien in Köpfe bohren.

Die Nazidiktatur ist lange überwunden. Doch die Mechanismen sind die gleichen. Politiker sind auf Sprache angewiesen. Sie ist das Mittel der Auseinandersetzung, das Mittel der Politik.

Umso fragwürdiger ist es, dass Politiker seit Jahren von einer Flüchtlingskrise reden. Wenn verzweifelte Menschen aus ihrer zerbombten Heimat fliehen, stecken sie wahrhaftig in einer Krise. Das aber ist mit dem Wort Flüchtlingskrise oft nicht gemeint, sondern die Herausforderung für die Helfenden.

Vom „Asyltourismus“ und der „Lawine“

Viel ist hier schief gegangen in der Sprache der Politik. Es gab Worte wie „Asyltourismus“ – oder „NGO-Wahnsinn“ für private Seenotrettung – von Entgleisungen einiger AfD-Politiker ganz zu schweigen. Unvergessen ist auch das Wort der „Lawine“ im Zusammenhang mit Flüchtenden. Es kam von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der sonst so treffende Worte finden kann.

Und jetzt spricht EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an der griechischen Grenze zur Türkei von einem „Schutzschild“ – und davon, dass wir „die Stellung halten“. Als stünden die Türken hochgerüstet vor den Toren Europas – bereit zu kriegerischer Landnahme. In Wahrheit sind es unbewaffnete heimatlos Gewordene – instrumentalisiert von einer zunehmend hilflosen Türkei. Die Rede aber ist von „Pullfaktoren“ diesseits und zu verhindernden „Pushbacks“, quasi Rückstößen, jenseits besagter Grenze.

„2015“ als Trigger

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sagt, es gehe um „Humanität und Ordnung“. Sicher, doch was verstehen wir darunter? Einen geordneten Grenzübertritt? Die meisten dürften eher vor Augen haben, dass eigentlich niemand über die Grenze kommen solle.

„Eine Situation wie 2015 darf sich nicht wiederholen“, heißt es in der Bundesregierung. Damals ging es allerdings um Einreisen ohne jede Registrierung. Das zu verhindern ist richtig. Es bedeutet jedoch nicht, Menschen nicht aufzunehmen. An 2015 zu erinnern erzeugt aber Gedanken und Bilder in den Köpfen – ob mit oder ohne Absicht.

Politikerinnen und Politiker, aber eigentlich auch alle anderen, sollten das bedenken – und Worte behutsamer wählen.

Kommentar: Sprache in der Politik
Uwe Lueb, ARD Berlin
16:43:00 Uhr, 06.03.2020

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 06. März 2020 um 17:36 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 31.10.2020, 11:01:46