Die Teflon-Kanzlerin ist zurück

Gepostet am 16.07.2017 um 20:13 Uhr

War da was? Kanzlerin Merkel lässt sich – auch im ARD-Sommerinterview – nicht aus der Ruhe bringen, meint Stephan Ueberbach. Warum auch? Die Umfragewerte sind bestens, und Martin Schulz’ Wahlkampf scheint zu verhallen.

War da was? Kanzlerin Merkel lässt sich – auch im ARD-Sommerinterview – nicht aus der Ruhe bringen. Warum auch? Die Umfragewerte sind bestens, und Martin Schulz’ Wahlkampf scheint zu verhallen.

Ein Kommentar von Stephan Ueberbach, ARD-Hauptstadtstudio

Nein, natürlich lässt sich Angela Merkel auch im Fernseh-Sommerinterview nicht provozieren. Wer wie die Kanzlerin täglich mit Irrlichtern wie Putin, Trump oder Erdogan zu tun hat, wer von seinem hyperaktiven und übernervösen Koalitionspartner im Tagesrhythmus mit wütenden Attacken überzogen wird, den bringt auch das Moderatorenpaar der ARD nicht aus der Fassung. 

Hartnäckige Nachfragen perlen einfach an ihr ab. Der Streit mit der Türkei über das Besuchsrecht bei deutschen Soldaten findet Angela Merkel misslich, den Klimaschutz in Deutschland sieht sie auf gutem Weg, die Entscheidung über die “Ehe für Alle” nennt sie einen Beitrag zur Befriedung einer wichtigen gesellschaftlichen Diskussion. Ach so: Und natürlich will Merkel nach der Wahl für vier volle Jahre Kanzlerin bleiben.

War da was?

Flüchtlingskrise, Zoff mit der CSU, Schulz-Effekt – war da was? Die Teflon-Kanzlerin ist zurück und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Warum auch? Denn selten hat Angela Merkel der Sommerpause vor einer Bundestagswahl so gelassen entgegensehen können wie diesmal. Wer hätte das noch vor einem halben Jahr gedacht.

Die Asyl- und Flüchtlingspolitik ist aus den Schlagzeilen verschwunden, die Kritik an der Kanzlerin abgeflaut, der Obergrenzen-Streit mit Horst Seehofer erstmal vertagt. Wie immer, wenn es um den Machterhalt geht, raufen sich die schwarzen Schwestern zusammen und dürfen dabei auf das kurze Gedächtnis der Wähler vertrauen.

Hamburg hilft

Und die Debatte über linke Gewalt spielt der Union noch zusätzlich in die Hände. SPD, Grüne und Linkspartei stehen nach den Chaostagen von Hamburg heftig unter Rechtfertigungsdruck, selbst deutlichste Distanzierungen helfen da nicht. Bei CDU und CSU dagegen haben die Hardliner Oberwasser und inszenieren sich als einzig verlässliche Hüter der Inneren Sicherheit.

Was das alles für die politische Stimmung im Land bedeutet, lässt sich an den Umfragen klar ablesen. Die Union liegt meilenweit in Führung. Auch die Kanzlerin ist beliebt wie eh und je und kann in aller Gelassenheit zusehen, wie sich SPD-Kandidat Schulz gegen den Abwärtstrend abstrampelt, mit immer neuen Grundsatzreden und detaillierten Konzepten zu diesem und jenen – was die Wähler allerdings ganz offensichtlich kalt lässt.

Das Ungefähre ist genug

Warum also sollte ausgerechnet Angela Merkel jetzt plötzlich konkret werden, wenn auch das Ungefähre reicht? Spiegelstriche bei der Rente, den Steuern, den Geschenken für die Familien werden diese Wahl jedenfalls nicht entscheiden. Es geht am Ende um ein Gefühl. Nämlich darum, wem die Menschen zutrauen, in einem umfassenden Sinn für ihre Sicherheit zu sorgen. Bei wem sie sich eben am besten aufgehoben fühlen.

Angesichts einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, einer Welt mit Terror und Kriminalität, einer Welt voller Trumps und Erdogans. Das ist die Messlatte, danach werden die Wähler abwägen, ob sie für einen politischen Wechsel sind, oder nicht.

Im Moment sieht es so aus, als würde eine Mehrheit wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Kanzlerin darf sich auf ruhige Ferien freuen.

Kommentar: Merkel im Sommerinterview – immer mit der Ruhe
Stephan Ueberbach, ARD Berlin
20:45:00 Uhr, 16.07.2017

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Juli 2017 um 20:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 21.07.2017, 12:52:08